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Anton Teschechow (1860 - 1904).

Spielzeit-Auftakt an den Münchner Kammerspielen

Der begehrenswerte Looser: Stefan Pucher inszenierte „Platonow“ von Anton Tschechow.

Da stehen die beiden also am Bühnenrand in ihren gleißenden Lichtkegeln. Sie will so unbedingt zu ihm, dass der Sog, den dieser Platonow auf Anna Petrowna Wojnizewa ausübt, beinahe zu sehen ist. So als richten sich kleine Metallspäne auf einen sehr starken Magneten aus. Doch Platonow windet sich, wehrt Anna ab. Lange gibt er den Rühr-mich-nicht-an, um am Ende dann doch für eine schnelle Nummer mitzukommen: „Aber nicht ich komme jetzt zu dir, sondern der Teufel, der mich reitet.“

Diese Szene zwischen Thomas Schmauser und Sylvana Krappatsch ist eine der dichtesten, stärksten an diesem Abend, an dem die Münchner Kammerspiele, gerade zum Theater des Jahres gewählt, in die neue Spielzeit starten. Es wird eine Interims-Saison im Haus an der Maximilianstraße – Frank Baumbauer hat die Intendanz im Sommer abgegeben, sein Nachfolger Johan Simons beginnt erst nächsten Sommer. Ein dreiköpfiges Direktorium führt die Geschäfte derweil und will den von Baumbauer eingeschlagenen Weg fortsetzen.

Da ist es nur konsequent, die Eröffnungs-Premiere Stefan Pucher zu überlassen, der in der vergangenen Spielzeit am Haus eine quirlige Interpretation von Shakespeares „Maß für Maß“ einrichtete. Jetzt hat er sich Tschechows Jugendwerk „Platonow“ vorgenommen. Das im Nachlass des russischen Dichters entdeckte Stück erzählt von einer Gesellschaft, die sich in ihrer Mittelmäßigkeit so sehr langweilt, dass es wehtut.

Das jedoch können die Figuren nicht zugeben, sie verstecken sich und erstarren daher in Phrasen und hinter Masken. Der einzig Authentische – und deshalb gehört ihm die Sympathie des Regisseurs – ist Platonow. Und während das Ensemble auf die Bühne (Nina Wetzel hat hier eine weite Kiesfläche mit Liegestühlen und Pool aufgebaut) schlurft und schlurcht, flitzt Thomas Schmauser, noch bevor sein Platonow den ersten Auftritt hat, einmal quer über die Spielfläche und pfeift sich am linken Bühnenrand noch schnell einen Espresso rein.

Ein gedoptes Wiesel ist dieser Typ, der über die gut zwei Stunden lange Inszenierung immer weiter verkommen wird. Denn Platonow ist auf der Flucht vor sich selbst. Dem einst aufstrebenden Studenten hätte die Welt zu Füßen liegen können, doch er endete als Dorfschullehrer. Dem ehemaligen Revoluzzer bleibt als Erinnerung heute nur das Lenin-Tattoo auf der Brust. Aus dem wilden Romantiker ist einer geworden, der sich freut, wenn ihm seine Frau verspricht, eine neue Sommerhose zu kaufen, und der nur fremdgeht, weil – tja, den Grund scheint er inzwischen vergessen zu haben.

Platonow, und Schmauser spielt diesen biografischen Bruch intensiv, brannte einst für ein neues, besseres Leben – heute brennen nur noch die Zigaretten, die er Kette raucht, und der Schnaps, den er flaschenweise reinkübelt. Während die übrigen Figuren – und trotz Premierennervosität schaut man dem Ensemble der Kammerspiele gerne zu – selten über ihren Zustand reflektieren, scheint Platonow dies permanent zu tun. Und das, was er dabei erkennt, kotzt ihn an. Im Wortsinn.

Regisseur Stefan Pucher ist mit der Entscheidung, Thomas Schmauser die Titelrolle spielen zu lassen, ein Risiko eingegangen: Falls dessen Platonow eine erotische Ausstrahlung auf Frauen hat (und die muss er haben, schließlich fängt er mit vieren etwas an), versteckt er diese gut hinter fettigen Haarsträhnen, Fünf-Tage-Bart und Bauchansatz. Die Frauen begehren diesen Mann dennoch, eben weil er offen zeigt, dass er ein Looser ist, dass er – wie in einem Gedicht Brechts – einer ist, auf den sie nicht bauen können.

Wer nicht klarkommt mit Schmausers Spiel, seiner Schnoddrigkeit, seinem Nebenbei-Sprechen, seiner Art, Sätze zu formulieren, als hole er sich die Silben gerade im Augenblick aus dem Nirwana, der wird sich schwertun mit dieser Inszenierung. Wobei Schmauser sichtlich bemüht ist, die Handbremse nicht ganz zu lösen. Die Rampensau bleibt zuhause – und deshalb können derart intensive Bilder entstehen wie das eingangs erwähnte. Es ist aber auch Schmausers Kollegen – allen voran Sylvana Krappatsch, Wolfgang Pregler, Katharina Schubert und Stefan Merki (als Ossip, der am Ende – entgegen Tschechows Vorlage – Platonow ersticht) zu danken, dass diese Premiere nicht zur One-Man-Show verkommt, sondern als solide Ensemblearbeit in Erinnerung bleibt.

„Platonow“ ist ein Abend, der Stefan Puchers Linie durchhält. Und auch wenn aus diesem Grund nicht alles aufgeht, ist es eine diskussionswürdige Inszenierung. Herzlicher Applaus für die Schauspieler, einige Buhs für die Regie.

Nächste Vorstellungen

am 28. 9., 2., 8., 17., 23. 10.; Telefon: 089/ 233 966 00.

Michael Schleicher

Die Besetzung

Regie: Stefan Pucher. Bühne: Nina Wetzel. Kostüme: Annabelle Witt. Musik: Marcel Blatti. Video: Sebastien Dupouey. Darsteller: Sylvana Krappatsch (Anna Wojnizewa), Oliver Mallison (Sergej Wojnizew), Katharina Schubert (Sofja Jegorowna), Peter Brombacher (Porfirij Glagoljew), Lasse Myhr (Kirill Glagoljew), Tabea Bettin (Marja Grekowa), Walter Hess (Iwan Trilezkij), Wolfgang Pregler (Nikolaj Trilezkij), René Dumont (Timofej Bugrow), Thomas Schmauser (Michail Platonow), Lena Lauzemis (Alexandra Iwanowna), Stefan Merki (Ossip).

Die Handlung

Auf einem heruntergekommenen Anwesen treffen sich Freunde und Verwandte, um sich gemeinsam zu langweilen. Einzig die Ankunft von Platonow bringt Leben in die Runde. Doch aus dem einst aufstrebenden Studenten ist ein melancholischer, zynischer Dorfschullehrer geworden. Die Frauen begehren diesen Mann zwar immer noch, doch Platonow benutzt sie nur noch – weil er nicht weiß, was er in seinem nichtsnutzigen Leben sonst tun könnte.

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