Spießergesellen im Amüsierkrampf

München - Immo Karamans kluge und starke Inszenierung von Sergej Prokofjews „Liebe zu den drei Orangen“ - eine Kritik

Wenigstens einmal herrscht Einigkeit. Auch wenn die überteuert erkauft ist: Premierminister, Prinzessin und Vertraute werden als Schuldige gebrandmarkt, zum Tode verurteilt und aus dem Zimmer gestoßen. Aus einem flachen Raum, wo diese richtenden Spießergesellen zuvor noch übers passende Stück für den Abend gestritten hatten. Komödie, Tragödie oder Lovestory, was denn nun? Viel besser – ein Mord(s)stück wird es sein.

Natürlich ist das alles kein Märchen. Sergej Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ ist so wenig kindertauglich wie Mozarts schwer an Symbolismen schleppende „Zauberflöte“. Und „Groteske“, diese hilflose Einordnung, konnte seinerzeit schon Prokofjew auf die Palme bringen. Dass, was Regisseur Immo Karaman nun mit dem Stück am Gärtnerplatz anstellte, ist im Grunde ein alter Kniff. Doch mit der Verlegung in die Entstehungszeit, in die Zwanzigerjahre also, damit hat Karaman tatsächlich das passende Biotop für seine grelle Orangen-Plantage gefunden. Eine wilde, ziellose Epoche des Alles-geht wird da beschworen, eine Zeit des überspannten Strebens nach irgendwas, nur bloß weg vom Alten, in der auch manches verpufft – so wie in dieser Aufführung, die mit zunehmender Dauer immer mehr bezwingt.

Die Zwanzigerjahre-Idee öffnet also tatsächlich den Blick in die Tiefenschichten des Zweistünders, bringt viel Erhellendes zutage und noch viel mehr Beunruhigendes. Und sie bietet genug Raum für Prokofjews mal wiederstreitende, mal kraus mäandernde Handlung. Es ist gewissermaßen eine Inszenierung auf den zweiten Blick. Erkenntnisse werden nicht überscharf profiliert, sie schwingen subtil mit. Karaman hat sich mit seinem Ausstattungs-Duo Timo Dentler und Okarina Peter dabei eine kräftige Dosis Otto-Dix-Gemälde gegönnt. Alle diese Gecken, die schon vor dem ersten Takt auffordernd ins Publikum starren, mit ihren Glitzerfummeln, Fellstolas, gestreiften bis karierten Anzügen, die könnten einer Party der Zwischenkriegszeit entsprungen sein – und sind doch ein bis zwei Stufen weiter in die Karikatur gedreht.

Eine schräge Gruppe im Amüsierkrampf ist das, umtanzt von Serviermädchen-Herren (Choreographie: Fabian Posca) und umwabert von Rauch, der nicht nur von den Zigaretten stammt, sondern auch von den gerade verlassenen und bald wieder drohenden Schlachtfeldern hereinzuwehen scheint. Ganz vorn, am Rand, sitzt der Prinz. Und man versteht ihn bald: Was um aller Welt gibt es angesichts solch abartiger Zerstreuungssucht zu lachen?

Bis auf den Thronfolger und die im Fellmäntelchen herbeitrippelnden Orangendamen (mit lyrischer Emphase: Sibylla Duffe als Ninetta). scheinen alle der seltsamen Gruppe entsprungen. Der verkniffene, aasige Truffaldino des großartigen Sängerschauspielers Cornel Frey. Der Tschelio des herrlich linkischen Kouta Räsänen, dessen Zaubertricks ins Leere laufen. Oder Fata Morgana, von Rita Kapfhammer mit draller bis einschüchternder Erotik und offensiver Mezzo-Kraft vorgeführt. Der Farfarello des mit sehnigem Bass singenden Sebastian Campione, hier kein Teufel, sondern ein zwielichtiger Pate im hellbraunen Anzug. Oder auch Holger Ohlmann als vokal tiefergelegte „Köchin“: ein Mann, der ins schwarze Glitzerkleid gezwungen wird, der seine Verunsicherung schnell hinter sich lässt und ein vergnügtes Outing erlebt. Und wie wohltuend, dass Tilmann Unger, der kraftvoll und mit (zu) gedecktem Tenor gestaltet, die Hauptfigur nicht an den Comic verrät: Dieser Prinz ist ein Außenseiter, dem dasselbe Schicksal wie dem Minister drohen könnte.

Nicht nur eine Geschichte über das Umschlagen von Lust in Aggression wird erzählt, auch über sexuelle Irritationen und Verwischungen. Und es ist schon erstaunlich, mit welch reduzierten Zeichen Karaman dabei arbeitet. Die einzige Kulisse, das schmale, wie aus einem Haus gesägte Zimmer, ist Theater auf dem Theater und Bilderrahmen, zwängt auch eine kritische Masse auf engstem Raum zusammen. Mal dreht sich der Rahmen, mal spielt sich vieles außerhalb auf leerer Bühne ab. Und wie Gesten der Musik abgelauscht sind, wie sich alle inklusive des hochmotivierten Chores zu immer neuen Situationen zusammenfinden, wie Pointen fast nebenbei passieren, wie alles an unsichtbaren Fäden gezogen wirkt, das verrät schon kluges, starkes Regie-Handwerk.

Dass Dirigent Anthony Bramall mehrfach koordinierend eingreifen musste, war wohl dem Premierenüberdruck geschuldet. Sympathisch, dass der Mann im Graben dennoch nicht nachgab und das Orchester auf einen sehr profilierten, fettfreien Al-secco-Klang eichte, dabei Prokofjews Musik lustvoll heißlaufen lief. Ungetrübter Jubel – und ein Zwischenstand: Zumindest in Sachen Regie liegt Münchens zweites Haus in dieser Saison vor der Staatsoper.

Von Markus Thiel

Nächste Vorstellungen: 12., 18., 27.5. sowie 7. und 19.6.; Tel. 089/ 2185-1960.

Rubriklistenbild: © Bodmer (Symbolbild)

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