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Geslers Bluttat an Melcthal (Christoph Stephinger, liegend) erschüttert Guillaume Tell (Michael Volle, Mi.) und alle Schweizer (Chor der Bayerischen Staatsoper).

Münchner Opernfestspiele

Spießerkampf im Röhrenwald

München - Premiere der Münchner Opernfestspiele: Antú Romero Nunes inszenierte für die Staatsoper Gioachino Rossinis „Guillaume Tell“.

Eigentlich könnte es ganz gemütlich weitergehen. Im Holzhäuschen zwischen Berggipfeln, auf dem Schränkli das Röhrenradio, auf dem Tischli das Käsefondue, im Schlafzimmerli ein gesunder Vorrat von Ringelpullundern nebst Blümchenkittel. Aufstand gegen die Fascho-Österreicher? Da müssen erst mal die Maschinengewehre gewienert werden, anstatt sie sofort auf die Besatzer zu richten. Einen gibt es, dem der Muff auf den Geist geht: Tell, hier als Ekel Wilhelm unterwegs, ein großer, ebenso hyperaktiver Bub wie sein ADS-geplagter Sohn, greift zu drastischen Mitteln, um die Landsleute aufzurütteln – auch wenn er dabei über Leichen geht.

Das eidgenössische Nationalepos als Spießeraufstand mit Hindernissen, das könnte ein Kniff sein, um Gioachino Rossinis wuchernde Vertonung in den Griff zu kriegen. Antú Romero Nunes, am Münchner Volkstheater beim Festival „Radikal Jung“ mehrfach positiv aufgefallen, hat sich  da keine üble Grundthese zurechtgelegt. Und in den ersten 20, 30 Minuten dieser (nicht  ausverkauften) Münchner Festspiel-Premiere scheint  auch alles aufzugehen. Mehr noch: Ein Hauch Satire schleicht sich ein, und der steht dem Stück ausnehmend gut.

Aber da gibt es auch eine Phalanx von weiteren Mitspielern. Die sind stumm, groß und metallisch und verlangen fast die gesamte Aufmerksamkeit – die des Publikums, vor allem die der Schnürbodenverwalter des Nationaltheaters, die dafür sorgen müssen, dass dieses Arsenal aus Metallrohren unfallfrei bewegt werden kann. Eine spektakulär tanzende Bühne (Florian Lösche), die Wald, Säulensaal oder bedrohliches Irgendetwas sein will. Anfangs staunt man über die virtuose Szenerie, später nimmt der Grad an Genervtheit zu, auch, weil die Aufführung ins stereotype, aufwändig illustrierte Rampentheater driftet.

Wieder einmal ächzt die Staatsoper unter ihrer chronischen Krankheit: Wer sich so viel ums Funktionieren des Sängerumfelds kümmern muss, der hat bald keine Zeit mehr für die Sänger selbst. Gleichwohl hat Antú Romero Nunes ein Auge für Bildwirkungen und zeigt als Neuling im Opernfach erstaunliche Sicherheit in den Tableaus, auch in einigen (wenigen) intimen Solo-Szenen. Geslers Fest ist eine streng choreographierte Orgie in Schwarz-Weiß mit ebensolchem Konfettiregen und einer Flagge, die nicht von ungefähr an die Sterne Europas erinnert: Die Schweiz in die EU? Da meuchelt man vorher lieber den Statthalter des Staatenbundes.

Günther Groissböck gibt den mit durchgedrücktem Rücken als prachtvollen Fiesling – wie überhaupt alle Rollen in Sachen Stimm- und Personentyp Punktlandungen sind. Zum Beispiel Evgeniya Sotnikova als aufgekratzt höhensicherer Jemmy oder Enea Scala (Ruodi), der, wenn Bryan Hymel mal nicht greifbar ist, locker zum Arnold aufsteigen könnte. Wilhelm Tell selbst ließe sich gewiss eleganter, gravitätischer denken. Michael Volle bringt anderes ins Spiel, was in diesem Regie-Konzept nur logisch ist: Expressivität, Deftiges, Kraftentladungen, dazu offensives, natürliches Spiel. Eine Art Rossini-Verismo, der dem Meister gut gefallen hätte. Für die Belcanto-Inseln, genau so ist das Stück ja konstruiert, sind ohnehin zwei andere zuständig. Man mag Bryan Hymels offenen, etwas engen Tenorklang bekritteln. Doch kaum einer bewegt sich derzeit so sicher und genussvoll in jenem Bereich, wo für Tenöre der Weltraum beginnt: Über ein Dutzend hohe C’s sind für den Arnold notiert. Marina Rebeka bringt alles für die Mathilde mit. Stilbewusstsein, einen Sopran, der locker durch lange Phrasen segelt, die Fähigkeit zu nie verspannten, leicht formbaren Bögen, dazu Verzierungs- und Gestaltungseleganz – zu Recht räumte sie die größte Ovation ab.

Dan Ettinger, der Mannheimer Generalmusikdirektor, ist mehr als ein notdürftiger Ersatz für den in Bayreuth beschäftigten Kirill Petrenko. Ein Kapellmeister mit manchmal allzu souverän ausgestelltem Handwerk. Zu Chören und Solisten hält Ettinger gut Kontakt. Mit leichter Hand werden Details abgerufen, es gibt hohe Umdrehungszahlen und Rossini-Swing, manchmal wird ansatzlos noch der Turbo zugeschaltet. Dennoch könnte man den „Tell“ eleganter musizieren, mehr al dente, besonders aber leiser und weniger robust. Ausgerechnet in der Ouvertüre geht dem Staatsorchester etwas der Dampf aus. Vielleicht, weil die an dieser Stelle auch keiner mehr braucht: Mit dem zerplatzenden Apfel darf das Publikum in die Pause, der Schlager wird nachgereicht vor dem zweiten Teil als Handlungsrückblick und Albtraum Jemmys, durch den Perchten und Pimpfe spuken.

Mit Ettingers Plazet hat sich Regisseur Nunes den „Wilhelm Tell“ ordentlich zurechtgestutzt. Ein Problem. Wer sich an Rossinis Mehrstünder wagt, an diese Huldigung der Grand Opéra, muss sich ihren Stilmitteln, ihrer Architektur auch stellen. Doch statt Ideen zu entwickeln, lag der Rotstift näher. Alle Ballette wurden gestrichen, dazu gibt es noch chirurgische Eingriffe in Chören und Duetten und die größten Amputationen ausgerechnet in der Rütli-Szene. Vor einigen Jahren, als das Gärtnerplatztheater konzertant eine ausgedehnte Fassung spielte, war das ein spannender Abend. Längen bei „Wilhelm Tell“ sind also nicht unbedingt der Musik anzulasten. Einen Vorteil zumindest hat das Münchner Waldröhrenarsenal – die Bühne für den nächsten „Freischütz“ ist gebongt.

Markus Thiel

Weitere Aufführungen

am 2., 6., 9. und 13.7.; Telefon 089/ 2185-1920.

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