Der Spinne ins Netz gegangen

- Sie rubbeln ihre Beinchen, schubbern ihre Panzer, vibrieren mit ihren Fühlern, und die Musik garantiert ihnen freie Fahrt zum munteren Insektenleben. Dass er mit seiner komischen Oper "Der Barbier von Sevilla" einmal der Spinne ins Netz gehen würde, das hat sich Gioacchino Rossini Anno 1816 sicher nicht träumen lassen. Die Gestalten seiner Beaumarchais-Vertonung sind weder verwandt noch verschwägert mit den fühlenden Mozart-Menschen des "Figaro".

Entführung aus dem Blumenkelch

Sie sind Typen, Marionetten, denen die schnurrende "Maschinen"-Musik keine Seele einhaucht. Also warum nicht zu Ameisen, Bienen, Fliegen greifen, denen das Surren auf den Leib geschrieben scheint? Regisseur Claus Guth setzte sie für seinen mit Basel koproduzierten "Barbier", der dort zur Kultaufführung avancierte, frei. Am Münchner Gärtnerplatztheater, wo die Produktion (Regiemitarbeit: Björn Jensen) mit David Stahl am Pult Premiere hatte, nutzte sich der Überraschungseffekt ziemlich rasch ab, entpuppte sich das Spiel bald als flügellahm.

Wenn sich allerdings im ersten Bild die fleißigen Ameisen mit grauen Panzer-Bäuchlein vor einer wunderschönen, riesigen, stilisierten Blüte (Bühnen- und Kostümbildner Christian Schmidt versprühte Fantasie mit feinem Geschmack) höchst individuell tummeln, ihre Instrumente anstimmen und gierig ihren Lohn einsammeln, dann ist das wirklich putzig. Auch der Bienen-Graf Almaviva, der immer wieder vor Begeisterung den gesammelten Blütenstaub wie Konfetti in die Luft wirft, bezaubert. Zumal Thomas Cooley ihn mit Witz, Charme und der schwirrenden Leichtigkeit des (Insekten-)Seins ausstattete. Obwohl die Stimme eher etwas fest saß, sich erst allmählich lockerte und auch nicht mit dem reizvoll-hellen Metall-Glanz, der Rossini so gut ansteht, gesegnet ist.

Überdies legte sich die deutsche Sprache wie Mehltau in die Kehlen der Sänger. Gerade bei Rossinis Tempi, seinen rasanten Parlandi, Koloraturen und "Rouladen" wirkt sie wie Sand im Getriebe. Natürlich, das Gärtnerplatztheater erfüllt mit seinen deutschsprachig gesungenen Opern einen Kulturauftrag, aber im Fall Rossini einen eher zweifelhaften. Einziges Zugeständnis: Figaro durfte auf Italienisch behaupten, das Faktotum der schönen Welt zu sein, und sein "Ah bravo Figaro!" klingt eh polyglott.

Dass der Barbier im Gewand der gemeinen Stubenfliege herumschwirrte, passte bestens zum windigen Tausendsassa, der mit Schmalztolle und Nackenrolle wie ein Rock-Star auftrat. So wunderte es niemanden, dass Marian Pops (mit schlankem, aber zu nasalem Bariton) hyperaktiver, geschäftstüchtiger Barbier die Gitarre im Grafen-Ständchen selbst bediente und im Parkett Visitenkarten verteilte.

Als fette Spinne versuchte Doktor Bartolo, den reizenden rosa Schmetterling namens Rosina zu fangen. Jörg Simon spulte mit angenehmem Bass seine Arie so rasant ab, wie man es einer deutschen Zunge gar nicht zutraut. Auch Rebecca Martin meisterte mit flinkem, hellem Mezzo das sperrige Germanische erstaunlich gut. Sie zitterte Koloratur-synchron mit zarten Fühler-Händchen und nutzte jede Chance, dem Vormund zu entflattern. Auch ohne Flügel.

Denn im zweiten Akt haben alle, auch der Blattlaus-klebrige Intrigant Basilio (Pawel Czekala) und die brav putzende Schnecke Marzellina (kess zwitschernd: Cornelia Horak) Flügel und Häuschen abgelegt. Guths tierische Versuchsanordnung wird hier vor einer stilisierten Rechenpapier-Wand fortgeschrieben. Etwas mühsam mit Slapstick-Sängern aus der Drehtür. Erst bei der finalen Entführung aus dem lädierten Blumenkelch und Figaros Hochzeits-Trick wachsen den Protagonisten wieder Flügel.

Daran ist nicht zuletzt die Musik schuld. Unter David Stahls animiertem Dirigat tönte schon die Ouvertüre staubtrocken aus dem Graben. Das entsprach diesmal nicht nur der Akustik des Hauses, sondern passte zu Rossinis rotierender Perfektion vorzüglich. Mit Transparenz und Feinschliff reizten Dirigent und Orchester Rossinis Partitur aus, düsten in den aberwitzigen Accelerandi ab und entfachten aus dem leisen Tröpfeln des Regens ein krachendes Gewitter mit Windmaschine und Donnerblech. Doch trotz aller Flügel: So richtig abheben konnte man mit Claus Guths "Barbier" nicht. Vielleicht müssen sie noch wachsen.

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