Spion oder Eroberer

- Es gibt einen Ort, den kennt jeder, doch jeder kennt ihn anders. Denn Heimat, so wird der Ort genannt, ist nichts Bestimmbareres als ein Gefühl. Und ist die Heimat für den einen eng mit seiner Kindheit verbunden, wie kann der andere sie auch an diesen Orten finden? "Neue Heimat" heißt die Schau in der Münchner Rathausgalerie, in der sich vier Freunde, "Heimat"-erfahrene Künstler, in die vertraute Welt eines anderen begeben haben, um diese zu besuchen und abzubilden. Was passiert, wenn einem die neue Heimat per Losverfahren zugespielt wird, das zeigen vier grundverschiedene Eindrucks-Dokumentationen.

<P>Die Fotografie archiviert Momente, Motive, die der Vergänglichkeit zum Opfer fallen werden. Olaf Unverzart hält flüchtig-zarte Eindrücke einer ländlichen Wintergegend fest. Während einige Bilder durch die Wiederholung von scheinbaren Lieblingsmotiven - ein schwarzes Pferd oder ein Frauenakt - gekonnt Erinnerung und Melancholie vortäuschen, verstecken andere die Neugierde des Fotografen nur schlecht. Kurios!, dachte sich wohl auch Alexander Laner beim Anblick seiner "Neuen Heimat". Er brachte sich ein Souvenir mit, umgab es mit einer grünen Netzabsperrung und einer Zeituhr. Seitdem schießt der Apparat in regelmäßigen Abständen Tonscheiben gegen die Wand.<BR><BR>"Ein Mann, der sich Kolumbus nannt": Mit dem Lied im Ohr folgt man dem faden Scheinwerferkegel in Benjamin Heisenbergs Videoinstallation "La Paz". Die finsteren Räume sind menschenleer; Fotografien, Schachteln, Masken, Werkzeug scheinen friedlich entschlummert. Sie bleiben Relikte, ihr Entdecker ist kein Eroberer. Diese Idee des unbeteiligten "Spions" spricht auch aus der Installation Michael Schrattenthalers: Seine Fotografien betrachten das Licht, das durch Tür-, Fenster-, Mauerritzen fällt, mehr nicht. Und obschon der Betrachter zwischen zwei Raumkörpern hindurchschreiten kann, verhindern ihre geteerten Fugen den Blick ins Innere.<BR><BR>Der Versuch ist eindrucksvoll gescheitert: Die vier Künstlerfreunde vermochten die Heimat des anderen zwar zu beobachten, doch nicht zur eigenen, neuen Heimat zu machen. Sie bleiben Voyeure eines intimen Begriffs - mit künstlerischem Reiz. Den Nebenraum der Rathausgalerie, den Projektraum Marienhof, hat die junge Bukaresterin Andrea Faciu (sie studierte in München an der Akademie der Bildenden Künste) in die Sprachinstallation "Gefüge eins" gekleidet. "auf der einen Seite", "auf der anderen Seite" sind die festen Bestandteile ihres akustischen wie visuellen Gedichtes, das sie mit immer neuen Gegenpaaren füllt.<BR>Der ungewöhnliche Dialog findet auf unzähligen DIN-A4-Blättern sowie durch zwei Lautsprecher statt. Und manchmal wartet das Pro auch vergeblich auf ein Contra.</P><P>Bis 15. April. Di.-Fr. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr. Der Katalog zu "Neue Heimat" erscheint am Mittwoch.<BR><BR></P>

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