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Die Tänzer loten in „Spiral Pass“ den Raum aus: Lucia Lacarra und Marlon Dino.

Der Körper-Kenner

"Spiral Pass" zum Start der Ballettfestwoche

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München - Ein Probenbesuch bei Choreograph Russell Maliphant, dessen "Spiral Pass" zum Start der Ballettfestwoche gezeigt wird.

Klänge können Farben evozieren – und umgekehrt. Mit diesem Phänomen der Synästhesie haben sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Reihe von Künstlern beschäftigt, vor allem der russische Maler Wassily Kandinsky in seinen Bühnenkompositionen. „Der gelbe Klang“ ist ein Musik-Farben-Bewegungs-Spiel, das, so Kandinsky, innere Erlebnisse beim Zuschauer auslösen soll. Für den Auftakt der diesjährigen Staatsballett-Festwoche im Münchner Nationaltheater hat der Performance-Künstler Michael Simon Kandinskys Konzept neu umgesetzt, zeitgenössisch verwegen zu Musik von Frank Zappa (wir berichteten).

Unter dem synästhetischen Motto „Der gelbe Klang“ stehen auch die beiden anderen Uraufführungen am Freitagabend: „Konzert für Violine und Orchester“ der Kanadierin Aszure Barton zum Violinkonzert von Mason Bates und „Spiral Pass“ zu Musik von Mukul des feinen britischen Tanzschöpfers Russell Maliphant. Mit ihm und seiner Assistentin und Ehefrau Dana konnten wir anschließend an einen Probenbesuch sprechen.

Seit das Staatsballett 2012 Maliphants Trio „Broken Fall“ aus dem Jahr 2003 übernommen hat, hat der 52-jährige Brite auch hier eine große Fangemeinde. Nach München gebracht hat ihn „JointAdventures“-Chef Walter Heun. In dessen „Tanzwerkstatt Europa“ 1996, 1997 und 1998 unterrichtete Maliphant Contact-Improvisation und zeigte sein „Unspoken“ sowie sein Solo „Shift“. Beides – wie ja auch sein zwischen Schwerkraft und Kontrolle angelegtes „Broken Fall“ – sind auffallend skulpturale Arbeiten. Dabei gelingt es Maliphants langjährigem künstlerischem Partner Michael Hulls, mit seinem sublimen Licht Körperlinien und Muskeln noch plastischer hervorleuchten zu lassen.

Jetzt in der Probe jedoch entdeckt man einen neuen, pointiert dynamischen Maliphant: Die Tänzer bewegen sich in fortgesetzten spiraligen Drehungen durch die Weite des Raums; loten Oben und Unten aus in vertrackt tief zu Boden kreiselnden Figuren. Dana Maliphant, die zwischendurch auch Probenfotos schießt, dabei alles genau beobachtet, nähert sich diskret einem Tänzer, der mit einer verschraubten zu Boden gehenden Figur noch etwas kämpft. Sie rät ihm zu einer leichten Kontraktion in der Körpermitte – und jetzt funktioniert’s butterweich. Maliphant, zunächst länger beschäftigt mit Solist Karen Azatyan, der immer wieder eine teuflische Dreh-Schlitter-Einhandradschlag-Passage wiederholt, wendet sich nun in seiner ruhigen, aus entspannter Konzentration kommenden Art der Gruppe zu: „Denkt beim ,rond de jambe à terre‘ (im Halbkreis Schleifen des Beines am Boden; Anm. d. Red.) an den dagegen gehenden Twist im Oberkörper und den mitschwingenden Arm. Und lasst die Armbewegung schon im unteren Körperzentrum beginnen. Dann bekommt dieser Schritt mehr Linie, mehr Kontur.“ Ein wichtiger Hinweis, da klassisch ausgebildete Tänzer die Arme eher isoliert vom Körper führen.

Russell Maliphant

Russell Maliphant ist ein absoluter Körper-Kenner. An der Londoner Royal Ballet School klassisch ausgebildet und zunächst im Royal Sadler’s Wells engagiert, erarbeitet er sich bald als freischaffender Künstler moderne und zeitgenössische Stile bei Gruppen wie DV8 und Laurie Booth & Company. Zusätzlich studiert er Anatomie, Biomechanik und Rolfing, eine komplementärmedizinische Methode, die er selbst praktizieren darf. In Dana (unter ihrem Mädchennamen Fouras findet man sie als junge, blendende Tänzerin im Netz. 1986 gewann sie den Prix de Lausanne) hat er die ideale Tanz- und Lebenspartnerin gefunden. „Nach sieben Jahren im Royal Ballet wollte ich etwas anders machen“, erzählt sie. „Ich habe in Russels Unterricht und durch unser gemeinsames Auftreten dann alles über moderne Tanztechniken und -stile gelernt.“ Neben den Pflichten als zweifache Mutter arbeitet sie ihrem Mann auf mehreren Ebenen zu: ob bei Stücken für die 1996 gegründete Russel Maliphant Company oder bei Gast-Choreographien. Dana Maliphant: „Wenn Russell mit seiner Improvisationsarbeit für ein neues Stück beginnt, suche ich nach passendem Musikmaterial: Klassik, Pop, Clubbing, Elektronisches, Geräusche. Das bekommt dann der jeweilige Komponist als eine Art anregende Leitlinie.“

Immer wieder ist zu lesen, dass Maliphant seinen Durchbruch mit dem 2003 für Star-Ballerina Sylvie Guillem choreographierten „Broken Fall“ hatte. Er rückt zurecht: „In der zeitgenössischen Szene waren wir schon vorher bekannt, auch schon mehrfach ausgezeichnet. Aber sicher haben wir mit der Arbeit für Guillem ein breiteres, ein Ballett-Publikum erreicht.“

Während Maliphant inzwischen für etablierte Ensembles wie das Lyon Opera Ballet, das Ballet de Lorraine, das English National und das Royal Ballet und jetzt mit dem „Spiral Pass“ erstmals auch fürs Staatsballett kreiert, bleibt seine Company für ihn spannendes choreographisches Labor: „Die Sprache des Tanzes kann sich noch unendlich neu bereichern, durch bildende Kunst, Poesie, durch Yoga, Tai Chi, Chi Gong, durch all die Tanzformen anderer Länder. Es reicht ein ganzes Leben nicht, um die Fülle der Möglichkeiten auszuschöpfen.“

Premiere an diesem Freitag; Telefon 089/ 21 85 19 20.

Ballettfestwoche

"Der gelbe Klang" (4./5. April)
"Dido und Aeneas", Sasha Waltz & Guests (8./9. April)
"La Bayadère" (10. April)
"Ein Sommernachtstraum" (11./12. April)
"Forever Young" (13. April)
Bosl-Matinee (13. April)

Von Malve Gradinger

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