Hubertus Heil wird SPD-Generalsekretär in Berlin

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Spirituelle Führung

- Dass es nicht zwangsläufig zu Allüren führen muss, zu den großen Dirigenten unserer Zeit zu gehören, dafür ist Kurt Masur ein wohltuendes Beispiel. Immer in den nunmehr über 50 Jahren als Orchesterleiter hat er sich weniger als Herrscher denn als "unerbittlicher Freund seiner Musiker" verstanden und seine Kunst mit Bescheidenheit in den Dienst der Musik gestellt - unter anderem als langjähriger Leiter des Leipziger Gewandhausorchesters, als Musikdirektor der New Yorker Philharmoniker von 1991 bis 2002 und seit letztem Jahr als Leiter des Orchestre National de France und des London Philharmonic Orchestra. Mit ihm spielt Masur heute abend in der Münchner Philharmonie Mendelssohns Musik zu "Ein Sommernachtstraum" und Mahlers erste Symphonie.

<P>Was halten Sie gegen das garstige Bonmot, Mendelssohn habe "als Genie begonnen, aber als Talent geendet"?<BR><BR>Kurt Masur: Mit solchem Zynismus kommt man Mendelssohn sicher nicht bei. Gerade der Geniestreich der Ouvertüre zum "Sommernachtstraum", die er ja schon als 17-Jähriger komponierte, hat im 19. Jahrhundert das Vorurteil hervorgebracht, alle seine Werke müssten ebenso "schön leicht" sein. Wer mit einer solchen Grundhaltung etwa an die "Schottische Symphonie" herangeht, verfehlt vollkommen die dramatische Kraft dieser Musik. Und verkennt das ungeheuere Spannungsfeld, in dem sich Mendelssohn als zum Protestantismus konvertierter Jude mit zugleich aufklärerischer Familientradition befand.<BR><BR>Muss man als Interpret die Biografie eines Komponisten kennen, um seine Musik richtig zu spielen?<BR><BR>Masur: Sie können Tschaikowskys sechste Symphonie nicht angemessen als den Abschiedsbrief eines zum Tode Entschlossenen wiedergeben, der sie ist, ohne um den für ihn unlösbaren Konflikt zwischen seiner Homosexualität und der Moral seiner Zeit zu wissen. Auch bei Mendelssohn wirkt ein Identitätskonflikt, der sich zum Beispiel in der Unruhe seiner bis heute kaum erreichbaren Tempi manifestiert. Dieser Mann war eine Kerze, die an beiden Enden brannte.<BR><BR>Ähnlich wie Mahler?<BR><BR>Masur: Bei Mahler spiegelt sich die innere Zerrissenheit der ersten Symphonie allerdings noch mehr in einer Polarisierung von Liebe und Leid - mit dem irreführenden Beinamen "Der Titan" hat das nahezu nichts zu tun.<BR><BR>Teilen Sie solche geistigen Konzepte mit Ihren Musikern?<BR><BR>Masur: Im Allgemeinen bin ich kein Freund davon, von oben herab Vorträge zu halten. Aber in New York etwa war der Wunsch nach intellektueller Durchdringung sehr stark. In Paris ist der Orchestercharakter und damit der Zugang wieder vollkommen anders.<BR><BR>Wie denn?<BR><BR>Masur: Die französische Orchestertradition kennt mehr als andere ein künstlerisches Selbstbewusstsein, das sich in hervorragenden Solistenleistungen und einer gewissen Nonchalance spiegelt - so à` la "Ist ja schön und gut, Maestro, aber vertrauen Sie uns, wir haben Fantasie, und am Abend wird's schon". Um solchen Individualisten auch ein gutes Zusammenspielen abzugewinnen, brauchen Sie eine andere Art der spirituellen Führung. Der charakteristische süß-leichte Klang des Orchesters soll ja trotzdem erhalten bleiben.<BR><BR>Wie beurteilen Sie vor dem Hintergrund einer solchen Vielfalt individueller Orchesterklänge die fortschreitende "Abwicklung" deutscher Orchester wegen Sparzwängen?<BR><BR>Masur: Eine Katastrophe! Aber noch schlimmer ist, wie die klassische Musik an sich in unserer Gesellschaft an Stellenwert verliert. Ich trage mich momentan mit dem Gedanken eines offenen Briefes an das Bildungsministerium mit dem Appell, im Konzept der Ganztagsschule dem Musikunterricht wieder mehr Gewicht zu geben.<BR><BR>Was versprechen Sie sich von einer solchen Aufwertung?<BR><BR>Masur: Wer Musik macht, lernt ganz einfach Lebenswichtiges: sich hinzugeben, für einander dazusein, partnerschaftlich miteinander umzugehen. Und neben dem Geld das Schöne nicht zu vergessen.<BR></P>

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