Splitter der Wirklichkeit

- Wie der Nordosten Ägyptens, der zwischen Kairo und Alexandria von den Wasserlinien des Nil-Deltas geädert ist, so wird auch Gerhard Roths Reiseroman "Der Strom" von zahllosen Linien durchzogen: von der Leitlinie der inneren Stimme, vom roten Faden im Cockpit des Segelfliegers, von koptischen Schriftzeichen, von Ritzungen der Tätowierungsnadel, von Farb- und Blutgerinseln. Aus diesen Linien und Fäden webt "Der Strom" eine dichte Textur und hält sie dem Leser so nah vor Augen, auf dass er nur vereinzelte Ornamente, Verstrickungen, Farbflecken, aber kein zusammenhängendes Muster ausmache.

<P>"Der Strom" wird auf diese Weise zu einem Abenteuer der Wahrnehmung, zersplittert die Wirklichkeit in Scherben und gräbt übersehene Fundstücke aus dem Wüstensand. Dass dabei manches (auch sprachliche) Detail zu aufdringlich, in wenigen Fällen missglückt wirkt, ist in Kauf zu nehmen.</P><P>Der Österreicher Thomas Mach, "schmal, verschlossen, manchmal verträumt, und doch, wenn es ihm richtig erschien, nicht von einem Entschluss abzubringen", landet in Kairo. Dorthin wurde er von seinem Onkel, dem Inhaber eines Wiener Reisebüros, geschickt. Er soll an die Stelle der verunglückten Reiseleiterin Eva Blum treten. Deren Studientagebuch hat er auf seinen (Irr-)Wegen durch Kairo und Alexandria im Gepäck; darin ist das Wort "Kaatil", arabisch für "Mörder", rot unterstrichen.</P><P>War der Tod Eva Blums ein Unfall, Selbstmord oder doch Mord? Mit dieser Frage spinnt Gerhard Roth das Netz einer Kriminalgeschichte, in dem sich rätselhafte Hinweise und zahlreiche Verwicklungen verfangen. Ein Doppelleben, gespickt mit Liebhabern und illegalem Antiquitätenhandel, scheint Eva Blum geführt zu haben. Auch der Witwer ist der Toten auf der Spur, begleitet von einem ehemaligen Polizisten. Ein vermeintlicher Attentäter (ein rechtsradikaler Politiker war das Opfer) kreuzt diese Spur, und grell blitzt ein Totschlag, ein durch einen Schuss herausgerissenes, pulsierendes Herz auf den Treppenstiegen eines Hausboots auf.</P><P>In "Der Strom" wird aber weniger ein Kriminalfall, vielmehr die Welt rekonstruiert, wie sie wohl sein mag, bevor sie von der Vernunft in ein zusammenhängendes Bild gesetzt wird. Der Roman _ Tagebuch mit weißen Seiten und blinden Flecken, Reihung von Momentaufnahmen und Geflecht scheinbar unmotivierter Motive _ ist der vierte Teil des auf sieben Bücher angelegten Zyklus "Orkus" von Gerhard Roth. Politisches ist dabei von Interesse, auch in seinem neuen Roman holt der inbrünstig widerwillige Österreicher zu einem Seitenhieb auf sein Heimatland aus.</P><P>Dennoch ist Roth ein Gegenaufklärer: "Zwischendurch beschimpfte seine innere Stimme die Vernunft, die ihn noch immer in ihren Klauen halte." Diese eigensinnige Stimme wahrzunehmen und ihr zu folgen, ist der eigentliche Zweck der Bildungsreise des Thomas Mach. Früchte trägt die Reise im Panorama eines zeitgenössischen wie mythischen Ägyptens, das Roth kenntnisreich zeichnet und zugleich verstörend fremd belässt. "Bloß Bruchstücke der Dinge sehe der Mensch", meint ein islamischer Schriftgelehrter in "Der Strom". Es ergehe ihm dabei wie jenen Dorfbewohnern, die zum ersten Mal im Dunkeln einem Elefanten begegneten. Einer bekam ein Ohr zu fassen, hielt es für einen Fächer, ein anderer den Rüssel, hielt ihn für eine Wasserpfeife usw. "Das Ergebnis war Verwirrung."</P><P>Gerhard Roth: "Der Strom". S. Fischer Verlag, Frankfurt/ Main. 344 Seiten, 19,90 Euro.<BR></P>

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