Spontaneität des Lebens

- Es ist kalt und ungemütlich in diesem winterlichen Deutschland, so fern der Heimat des Kubaners Reynaldo Creagh. Doch dem 87-Jährigen scheint das nichts auszumachen. Der schmale alte Herr mit Hemd und Krawatte ist in einer dicken Daunenjacke versunken, und zufrieden lächelnd pafft er seine Zigarre in der zugigen Garderobe des Zelttheaters "Fliegende Bauten" in Hamburg. Schon zum zweiten Mal gastiert er, der Älteste der Truppe, in der Hansestadt mit der Show "The Bar at Buena Vista", die von 26. Dezember an im Prinzregententheater auch den Münchnern einheizen wird.

Creagh, bereits seit 1984 mit ähnlichen Programmen auf Achse und seit zwei Jahren mit "The Bar at Buena Vista" auf Welttournee, scheint seine Heimat einfach immer dabei zu haben, denn die ist, neben Kuba selbst, der Son. Jener Musik- und zugleich Tanzstil, der sich aus afrokubanischen Trommelrhythmen, der Gitarrenmusik der spanischen Einwanderer und deren Tanzformen entwickelte. Creagh hat sich schon früh darin geübt, hat bereits als Kind bei reichen Zigarren- und Rumfabrikanten für Geld gesungen, eine Gesangsausbildung gemacht, verschiedene Orchester gegründet und sich daneben als Zugschaffner über Wasser gehalten. "Der Son", sagt er entspannt, "ist der Träger der kubanischen Tradition". Was auch ein bisschen daran liegt, dass diese Musik im Kuba Fidel Castros von westlichen Musikentwicklungen abgeschnitten war, von Jazz oder Blues kaum beeinflusst wurde.

"Salsa bedeutet bei uns nur Soße."

Reynaldo Creagh

Aus dem öffentlichen Leben allmählich verdrängt, war er schließlich zum Musikstil der "Alten" geworden. Bis Wim Wenders ihn mit seinem Musikfilm "Buena Vista Social Club" für die ganze restliche Welt wiederentdeckte. Umso mehr vielleicht kommt für Creagh die drohende Verwässerung des Son einem Sakrileg gleich. "Der Son ist einzigartig, er kann nicht gemixt werden", sagt er bestimmt. Über Salsa etwa, ein Modetanz auch hierzulande, der aus dem Son hervorgegangen ist, amüsiert er sich: "Salsa bedeutet bei uns Soße. Ich kenne nur Soja Salsa."

Sein alter Freund, der Gitarrist Jose "Maracaibo" Castaneda, 77, und der Pianist Guillermo "Rubalcaba" Gonzáles, 78 Jahre alt, begleiten ihn bei dieser Show durch aller Herren Länder, dazu jüngere Musiker und Tänzer. Man muss sich aber nicht vorstellen, dass diese bunt gemischte Truppe, um eben mal noch auf der "Buena Vista"-Welle mitzureiten, nur ein nostalgisches Folklore-Programm abspult. Geprobt wurde mit dem englischen Regisseur und Kuba-Liebhaber Tony Gough von vornherein wenig. "Durch Spontaneität ist die Show entstanden, mit Spontaneität bleibt sie am Leben", sagt Carlos Bustamante, der Conférencier und Erzähler der vielen kleinen Geschichten rund um den Son und um die Bar des legendären Buena Vista Social Club.

Und je nach Land müsse man auch den Humor verändern. In Singapur durfte eine Episode über Drogen nur ernsthaft und mit erhobenem Zeigefinger gespielt werden. In Korea versuchte man, die Körperkontakte auf der Bühne so weit einzuschränken, wie es Kubanern beim Tanzen möglich ist. Und in Deutschland? "Europa wirkt so kultiviert und hochgestochen, also versuchen wir, ein wenig kultivierter und hochgestochener zu sein", lacht Bustamante.

Eine Bar mit Hockern dominiert die Bühne, rechts haben es sich die zehn Musiker mit ihren Instrumenten bequem gemacht, an der Decke ein paar Ventilatoren - das übliche Show-Brimborium ist das nicht. Tanz- und Musiknummern wechseln einander ab. Sängerin Siomara Avilla Valdes Lescay, so üppig wie ihre farbigen Gewänder, oder Pianist Rubalcaba geben mitreißende Soli zum Besten. Tänzerinnen bringen ihre kurzen Röckchen zum Wippen. Und besonders animierte Zuschauer dürfen gar ihr Rhythmusgefühl mit ihnen auf der Bühne messen.

Stimmung aber machen vor allem die alten Herren. Rubalcaba dirigiert das Publikum bis zum richtigen Lautstärkepegel. Und Creagh karikiert sich als Greis, um kurz darauf mit Elan zu tanzen.

26. Dezember bis 7. Januar, Karten: 089/93 60 93.

Treten am 26. Dezember im Münchner Prinzregententheater auf: Reynaldo Creagh, Maracaibo und Rubalcaba (v. li.).Foto: Veranstalter

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