Spontanes nicht töten

- Wenn jemand den 52-Jährigen nach seinem Beruf fragt, antwortet er schlicht "Musiker" und lächelt viel sagend. Zu Recht, denn Bobby McFerrin singt - über vier Oktaven! -, jazzt, dirigiert Mozart und hat Ende der Achtzigerjahre mit dem populären Song "Don't worry, be happy" einen Volltreffer beim breiten Publikum gelandet. Derzeit ist der farbige New Yorker wieder mal zu Gast in München: An diesem Samstag, 15.30 Uhr, trifft er in der Philharmonie im Gasteig auf lauter Überraschungsgäste und am Sonntag, 19 Uhr, musiziert er dort mit dem Münchner Rundfunkorchester Werke von Mozart, Händel und Respighi.

<P>Gesang, großes Orchester und ein bisschen Show - das gibt's alles auf einmal in der Oper. Wollten Sie nicht Opernsänger werden? </P><P>McFerrin: Nein, es hat mich nie interessiert. Aber meine Eltern waren Opernsänger, ich bin damit aufgewachsen. Ich habe zwar meine Lieblingsopern, "Rigoletto", "Tosca", "Porgy and Bess", aber ich bin kein Operngeher.<BR>Dennoch singen Sie gern - lieber ohne Worte . . .? </P><P>McFerrin: Ich habe meine Gesangsgruppe, mit der ich improvisiere. Ich gebe ihnen eine Melodie, eine Vokalise, und dann improvisieren wir frei. Das ist für mich wie eine eigene Sprache.</P><P>Sie haben Ihre erste Solo-CD "The Voice" in Deutschland gemacht. Warum gerade hier?</P><P>McFerrin: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Publikum in den USA und in Europa. Die Amerikaner wollen immer unterhalten werden. In Deutschland ist das anders: Das Publikum hat mehr Zeit, geht mit auf Entdeckungsreise, lässt mich Dinge entwickeln. </P><P>Wer sitzt in Ihren Konzerten, mehr Klassik- oder mehr Jazz-Liebhaber?</P><P>McFerrin: Ich kann es nicht sagen. Ich glaube, es sind Leute, die mich mögen.</P><P>Ist es sehr schwierig zwischen den unterschiedlichen Musikstilen hin- und herzuhüpfen? </P><P>McFerrin: Nein, es ist nicht schwierig, es ist nur anders. Beim Jazz treffe ich mich mit den Kollegen auf der Bühne, und wir können anfangen, Musik zu machen, zu improvisieren. Mit einem Orchester funktioniert das natürlich nicht so. Man hat Proben, man diskutiert über die Musik. 80 Orchestermusiker haben zum Teil eine ganz andere Vorstellung von einem Werk als man selbst. Dann gibt es Widerstand . . . - Trotzdem, mich erinnert das an die Schweiz, wo die Leute locker zwischen Deutsch, Französisch, Italienisch wechseln. </P><P>Sie fühlen sich sozusagen als Schweizer in der Musik? </P><P>McFerrin: Ja, genauso ist es. Ich bin auch in diesem Wechsel groß geworden. Mein Vater unterrichtete Operngesang, und nach den Stunden legte er Count Basie auf den Plattenspieler. Für mich gab es da keinen Unterschied.</P><P>Aber diese Stilwechsel, sind sie so leicht? </P><P>McFerrin: Ja. Wenn ich dirigiere, muss ich die Musik in mir fühlen. Ich darf nicht zu viel nachdenken über die Stücke. Ich lasse einem Orchester gern Freiheit, probe auch nicht zu viel. Ich liebe das Geheimnisvolle, das Spontane und wenn man zu viel probt, tötet man es. Manche Orchester gehen mit, andere wollen genau wissen, was ich da mache. Das gibt's im Jazz nicht. Da fragen die Musiker nicht, sie spielen einfach.</P><P>Sie betreuen in den USA ein Projekt für Kinder . . . </P><P>McFerrin: Es heißt "Connect". Kinder werden heute in den Radios meist mit nur einer Sorte Musik zugehämmert. Das will ich aufbrechen. Außerdem sollen sie begreifen, dass jeder ein Musiker ist und beim Musikmachen etwas beisteuern kann. Musik ist eine gemeinschaftsfördernde Kunst, mehr als jede andere. Überlegen Sie, 80 Prozent der Musik auf der Welt ist nicht aufgeschrieben, sondern wird überliefert. Jeder Musiklehrer sollte den Kindern zuerst beibringen zu improvisieren.</P><P>Was gibt es, was Sie noch nicht gemacht haben und gerne täten? </P><P>McFerrin: Ich würde gern mit James Taylor singen, ein Klavierkonzert mit Keith Jarrett dirigieren, eine Messe komponieren, Kindergeschichten und einen Gedichtband schreiben . . . Ich sammle schon alles in meinem Computer.</P>

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