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Mitten im Spielfeld findet sich der Besucher in der Ausstellung „Never Walk Alone“ im Jüdischen Museum wieder.

Sport-Schau im Jüdischen Museum München

Ausstellung: Der Eisenbeißer im Lebendkicker

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Das Jüdische Museum München setzt sich in „Never Walk Alone“ mit jüdischen Identitäten im Sport auseinander. Der Besucher findet sich dabei mitten in einem Lebendkicker wieder.

Lebensgroß stehen die Holzfiguren im Obergeschoss des Jüdischen Museums München. Der Besucher schlängelt sich zwischen den langen Industrie-Verpackungsrohren hindurch, aus denen die Exponate leuchten. Und er kann nicht anders, als sich sofort als Teil dieses Spiels, dieses Lebendkickers zu fühlen, den die Ausstellungsgestalter von „chezweitz“ zusammengeschraubt haben. Als würde gleich der Ball an den Fuß rollen. Mehr Dynamik, mehr Bewegung geht kaum bei einer Ausstellung zum Thema Sport.

Der Eisenkönig: Siegmund Breitbart inszenierte sich nach der vorigen Jahrhundertwende als Gladiator.

Das Haus am Sankt-Jakobs-Platz befasst sich in der Schau „Never Walk Alone“ mit jüdischen Identitäten im Sport. Wie haben sich jüdische Sportler im deutschen Bewegungsrausch um 1900 positioniert? Wie wurden sie wahrgenommen? Und wie reagierten sie auf Abgrenzung und Vorurteile? Diese Fragen will die Ausstellung beantworten – mit dem Versuch einer „historischen Bewegungsstudie“, wie Kuratorin Jutta Fleckenstein erklärt.

Eine Sport-Schau ohne Fußball ist in der Kicker-Stadt München natürlich kaum denkbar. Und so greift das Jüdische Museum die Begriffe aus dem Rasenballsport auf, um der Ausstellung eine Struktur – und ein Spielfeld – zu geben. Unter der Kategorie „Präzise passen“ etwa sammelte das Kuratoren-Team um Jutta Fleckenstein Beispiele für die Partizipation von Juden in Turn- und Ringervereinen Ende des 19. Jahrhunderts. Bei den „Dribblern“ finden sich Biografien aus den Anfangszeiten des Fußballs. Aber auch die „Abseitsfalle“ hat ihren Platz in der Präsentation – und damit das Ausgrenzen jüdischer Sportler in der Zeit des Nationalsozialismus.

Ausgetreten: Seine Bergstiefel rührte Bruno Roth nach der Emigration nicht mehr an.

Der Fall von Gretel Bergmann ist ein Beispiel dafür, wie Juden nach 1933 aus dem Sport gedrängt wurden. Die Leichtathletin wurde im Jahr der Machtergreifung aus dem Ulmer Fußballverein ausgeschlossen, und die Deutsche Hochschule für Leibesübungen verweigerte ihr den bereits zugesagten Studienplatz. Bei der Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele 1936 stellte sie den deutschen Rekord im Hochsprung mit 1,60 Metern ein – woraufhin ihr mitgeteilt wurde, dass sie für die Olympiamannschaft nicht berücksichtigt werde. „Sie werden auf Grund der in letzter Zeit gezeigten Leistungen wohl selbst nicht mit einer Aufstellung gerechnet haben“, heißt es zynisch in dem Brief, der in München zu sehen ist. Um Bergmanns „Fleiß und Einsatzbereitschaft“ zu belohnen, gibt sich der zuständige Fachamtsleiter großzügig: Er könne ihr ja einen kostenfreien Besuch der Wettkämpfe ermöglichen.

An den Münchner Bruno Roth erinnert ein Paar genagelter Bergsteigerschuhe, die der begeisterte Radler, Bergsteiger und Skifahrer mitnahm, als er 1939 in die USA flüchtete. Er holte die Bergstiefel jedoch nie wieder aus seinem Überseekoffer. Seiner Tochter sagte er viele Jahrzehnte später: „Das Schlimmste, was mir der Hitler angetan hat, ist, dass er mir meine bayerischen Berge weggenommen hat.“

Ganz anders ging Siegmund „Zishe“ Breitbart mit den rassenideologischen Körperidealen um – wenn auch einige Jahrzehnte früher. Der 1893 geborene Eisenbeißer und „Muskeljude“ stilisierte sich als germanischer Held und posierte als Gladiator und Stierkämpfer, während er sich Nägel in den Körper trieb und Steine auf den Kopf werfen ließ.

Das Fanzimmer als Ort der Erinnerung und der Verbundenheit mit dem Sport.

Neben den Einzel-Biografien wartet im Untergeschoss der Ausstellung, die durchgängig in den Farben der Olympischen Spiele von 1972 gehalten ist, eine raumhohe Tribüne auf den Besucher, hinter der sich mehrere „Fan-Katakomben“ verstecken. Dort lässt sich etwa den Ansichten von vier Rabbinern aus verschiedenen Jahrhunderten über die Vereinbarkeit von Sport und Glauben lauschen. Aber auch die Gegenwart findet ihren Platz. Im Fanzimmer des Fußballs befasst sich das Kuratoren-Team mit dem Begriff „Jude“ als Diffamierung sowie als gemeinschaftsstiftendes Element.

Auch bei den Lebensläufen strahlt die Sammlung bis ins neue Jahrtausend. So wird der Finallauf der Frauen-Schwimmstaffel der Olympischen Spiele von 2004 im Video gezeigt. Mit dabei neben Franziska van Almsick: Sarah Poewe aus Wuppertal. Die Tochter einer jüdischen Mutter gewann mit der Staffel die Bronzemedaille. Es war die erste olympische Medaille einer deutschen Sportlerin mit jüdischer Herkunft seit 1936.

Bis 7. Januar 2018

Di.-So 10-18 Uhr;

Telefon: 089/ 28 85 16 42 2;

Katalog: 24,90 Euro.

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