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Wie in einem Bergwerk fördern die riesigen Laufbänder Menschen, Massen und Mörder zutage.

Premiere am Bayerischen Staatsschauspiel

Sportfreunde Schiller: "Die Räuber" als überwältigende Sprechoper

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München - Als einen wuchtigen, düsteren Dreiklang aus Bewegung, Musik, Text inszenierte Ulrich Rasche  „Die Räuber“ von Schiller zum Spielzeitauftakt am Münchner Residenztheater. Lesen Sie hier unsere Kritik:

„Der Aufstand beginnt als Spaziergang“ heißt es in Heiner Müllers „Hamletmaschine“. Am Münchner Residenztheater drosselt Ulrich Rasche jetzt das Tempo noch mehr: Bei ihm entzündet sich der Aufruhr, den Franz Moor mit Lügen anzettelt und der vier Stunden später im Furor enden soll, während vorsichtiger Schrittchen laufbandabwärts. Bloß nicht stürzen, denn die Ausgangslage des ungeliebten Zweitgeborenen von Graf Moor ist denkbar mies.

Regisseur Rasche hat sein Maschinentheater, seinen Rampen-und-Rollen-Reigen, auf die Bühne des Staatsschauspiels gebaut und zum Saisonstart Schillers Sturm-und-Drang-Drama „Die Räuber“ (1782 uraufgeführt) inszeniert. Am Freitag war Premiere seines wuchtigen, düsteren Dreiklangs aus Bewegung, Musik, Text.

Zwei je zehn Meter lange Laufbänder, das eine vier, das andere fünf Meter breit, dominieren den schwarzen Raum. Wie in einem Bergwerk fördern sie Menschen, Massen, Mörder zutage, denn der Regisseur nutzt Schiller, um von Radikalisierung zu erzählen. Das Individuum wirkt verloren auf der mächtigen Installation: Karl Moor, der frustriert vom Liebesentzug des Vaters Räuberhauptmann wird, kann die „Freiheit“ noch so sehr bejubeln – er genießt sie nicht. Alles Gesagte wird konterkariert, da Franz Pätzold, der den Karl als stolzen Jüngling spielt, am Sicherheitsgurt hängt und ständig in Bewegung sein muss, um nicht abzustürzen.

Schillers Text wird Munition

Der Text wird bei Rasche zu Material, zur Munition – vor allem in den Chorpassagen. Damit steht der Regisseur in der Tradition seines Kollegen Einar Schleef (1944–2001), der aus dem Programmheft grüßt: „Die Aufspaltung des antiken Chores durch Shakespeare, seine Individualisierung, ist nicht bloßer schauspielerfreundlicher Zugewinn, sondern ein bedeutender inhaltlicher Verlust, den kein Protagonist wettmachen kann.“

Die Münchner „Räuber“ sind eine überwältigende Sprechoper; die Laufbänder schaufeln wuchtig Emotionen in den Zuschauerraum: ungefiltert, mitreißend – gefährlich. Die Ästhetik, mit der Rasche Karls Bande inszeniert, riefenstahlt bedrohlich, feiert den Männlichkeitskult. Verführerisch definiert und perfekt ausgeleuchtet sind die Brustmuskeln wie im (Perser-) Kriegspropagandafilm „300“. Freude durch Kraft.

Doch bevor sich der Abend vollends am Pathos des Aufmarschierens besäuft, bricht die Szene, und der Regisseur zeigt, wohin Radikalisierung führt. Den Text des Räuberchores haben Rasche und sein Dramaturg Sebastian Huber mit Zitaten des „Unsichtbaren Komitees“ verschnitten. Das wohl linke Autorenkollektiv sorgte 2007 mit dem Essay „Der kommende Aufstand“ für Furore. „Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was da ist“ heißt es darin – ein Satz für Wutbürger, egal, welcher politischer Couleur.

Eine weitere Stärke des Abends ist die Musik

So schlägt die Produktion einen Bogen ins Jetzt, ohne sich der Aktualität zu brüsten. Eine weitere Stärke des Abends ist die Musik. Der Minimalismus in Ari Benjamin Meyers’ Komposition birgt maximalen Ausdruck. Sie illustriert und initiiert das Bühnengeschehen, ist zugleich Meditation der Möglichkeiten. Da wartet der Zuschauer auf die kompositorische Erlösung aus monotonen Wiederholungen wie Karl auf den verzeihenden Brief des Vaters, wie Amalia auf die Rückkehr ihres Verlobten, wie Franz auf Macht und Weib. Ärgerlich ist allerdings die Störung dieser in sich geschlossenen, betörenden Klangwelt. Wäre es Rasche gelungen, die vierstündige Inszenierung zu kürzen, hätte er auf die Pause verzichten und die Sogwirkung noch steigern können.

Beeindruckend ist indes, wie die vier großartigen Musiker (darunter Bassist Heiko Jung von der Jazz-Metal-Formation Panzerballett) und die drei Sänger im scheinbaren Gleichklang der Töne miteinander harmonieren. An diese Konzentrationsleistung reichte der Räuberchor bei der Premiere (noch) nicht heran, er verstolperte manchen Einsatz. Doch Rasche fordert den Schauspielern auch viel ab: Seine Sportfreunde Schiller müssen sich permanent bewegen, sonst droht der Sturz. Bei den Proben hat sich Marcel Heuperman verletzt, sodass am Freitag Alexander Weise den Schufterle übernahm.

Bibiana Beglau stieg im Sommer aus

Noch eine weitere Umbesetzung war im Vorfeld nötig. Franz Moor sollte eigentlich von Bibiana Beglau gespielt werden. Wie berichtet, stieg sie zu Beginn der Sommerpause aus (aufgrund „künstlerischer Differenzen“, wie es in solchen Fällen gern heißt), und Valery Tscheplanowa sprang ein. Die Schulterblätter leicht zusammengezogen, um die Arme weg vom Körper zu bekommen, und das Becken minimal nach vorn geschoben startet sie Franzens Feldzug: „Wozu ich mich machen will, das ist nun meine Sache.“

Allerdings nutzt Rasche die Figur des zu kurz Gekommenen nicht, um eine weibliche Emanzipationsgeschichte zu erzählen. Die Hosenrolle hat keine Relevanz – was Tscheplanowas Leistung nicht schmälert. Ihr Franz tritt im Dauerlauf der Marathon-Männer ebenfalls auf der Stelle, keiner kommt hier vom Fleck. Rasches strenges Konzept ist natürlich immer auch Korsett. Dieser Abend macht das vergessen. Heftiger Applaus, Bravo-Rufe.

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