Spott, Humor und Fantasie

- Da strahlt Thomas Gottschalk. 70 000 Gummibärchen verhelfen nicht nur dem Unterhalter zu neuem Ruhm. Illuminiert wie ein Heiligenbild sorgt das Fenstermosaik sicher auch für das meiste Aufsehen bei der Jahresausstellung der Akademie der Bildenden Künste München. Die Kunstpädagogik-Klasse Dengler hat mit dem Thema "Bildung und Unterhaltung" die aktuelle Situation bestens skizziert.

<P>Und so wie sich Gottschalk "lieber von jungen Studenten verspotten, als vom Fernsehen loben" lässt, so war auch die Gegenseite, Kultusministerin Monika Hohlmeier gleich mit dabei. Ihre Wahlwerbungsfotos machten wegen zu wenig bezahlten Honorars Schlagzeilen. Jetzt lächelt sie in gewünschter Lockerheit feminin von den Akademiewänden. Manchen Studenten wird darüber das Lächeln vergehen. Denn aufgrund gekürzter Budgets kann man sich Gastprofessuren nicht mehr leisten, gespart soll überall werden - nur nicht an der Kreativität.</P><P>Bisher klappt das ganz gut. Draußen inszenieren Schilderskulpturen und bemalte Schuttberge die Akademie-Baustelle, drinnen warten kilometerweise Kunstpositionen. Aufgrund der Sanierungsarbeiten präsentieren sich die Bildhauer in der Dachauer Straße 112/114. Die Teilung ist eine Bündelung, die weniger Abwechslung, aber direkte Vergleiche ermöglicht. Auffallend ist heuer der Zusammenschluss zu freien, übergreifenden Klassen, also zur Eigeninitiative. Die Siebdruckwerkstatt wurde von einer Gruppe als Papp-Raum-Installation umgestaltet. Panzerbroschen, fiktive Rituale im Film, Dauerlesung und vielschichtiges Selbstbild werden hier geboten. </P><P>Und die Hinterfragung von Philosophie und Religion, Existenzberechtigung und Konsum mittels Lakritzkreuzen und atomaren Selbstverherrlichungs-Limonaden. Da passen auf den Gängen die Foto-Breitformate zur "Kriegsästhetik".</P><P>Die Fotowerkstatt präsentiert Sehnsüchtiges: blaue Landschaftsdetails auf Flaggen, antik anmutendes Inventar und den normalen Mann auf der Straße in der Schneekugel. Die Medienkunst hat sich auf eine bündige Gesamtaussage geeinigt: Ein überdimensionaler Fernseher vor Kinositzen lockt vor die Mattscheibe mit Farbraum-Sequenzen. Die Kunstpädagogik-Klasse Hien besticht durch witzige Einzelarbeiten wie einen Windrad-Baum aus Orangenschalen und einen Iglu der Bücher.</P><P>Bei den Malereiklassen macht sich der Mut zum Großformat breit und zu Themen zwischen Pop und Morbidität. Die Klasse Förg hat die Werke in ein fetziges Raum-Graffiti eingebettet, wie überhaupt Wandmalerei wieder ein großes Thema zu sein scheint. Wenn Narrenkappen aus der Wand ragen oder aus Glassplittern Beinreliefs gefertigt werden, dann ist das die Interpretation der Klasse Keramik und Glas. Weiteres Highlight ist der Schmuck: Blumen vom Jakobsweg werden zur Scherenschnitt-Gummikette, Schweineherzen aus Kunststoff werden zu zierenden Lebensfragmenten. Heuer sind hier die ausgestellt, die bisher in keine Schublade passten. Ähnliches gilt auch für das Projekt im Kolossalsaal: Ein riesiger Tribüneneinbau fokussiert den Betrachter zwischen Präsentation und Peinlichkeit. </P><P>Rund um die Dachauer Straße touren Swimmingpool-Autos und Wagen voller ausgestopfter Tiere. Die Bildhauer unter Olaf Metzel sind ebenso radikal wie witzig. Bei den Gerhart-Schülern dann die absurde Geh-Maschine für den richtigen Lifestyle. Die Klasse Huber klappt gleich die Westernstadt aus der Bodenluke, persifliert Ideallandschaft auf zwei Filzhüten und sich selbst als Hunde-Mischwesen zwischen Demut und Koketterie. Der Mensch ist nicht nur des Künstlers Versuchskaninchen: Der Kopf in der Raummitte hängt an der Nadel, was die Fläschchen beinhalten, möchte man lieber nicht wissen. Sind wir doch alle Produkte der Umstände. </P><P>Bis 23. Juli, 12-20 Uhr.</P>

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