Spott auf Standesdünkel

- In weiser Voraussicht prophezeit 1914 der eine uniformierte Diplomat dem anderen: "In 50 Jahren werden es unsere Kollegen noch schwerer haben. Wenn es da einmal zum Krieg kommen sollte, wird man uns wegen fahrlässigen Massenmordes den Prozess machen." Diese für den Abdruck im Münchner "Simplicissimus" bestimmte Originalvorlage Eduard Thönys (1866-1950) beschließt den Hauptteil einer Ausstellung (Kuratorin: Thöny-Enkelin Dagmar von Kessel) von Blättern des auf preußischen Militär- und Standesdünkel spezialisierten Karikaturisten für die glorreichen ersten 19 Jahrgänge dieses satirischen Wochenblattes im Tegernseer Olaf-Gulbransson-Museum. In einem Anhang gibt es bayerische Motive zu sehen.

<P>Der an der Münchner Akademie ausgebildete Sohn eines Südtiroler Bildhauers lieferte dem "Simplicissimus", an dem er seit 1906 zusammen mit acht Kollegen auch finanziell beteiligt war, allwöchentlich eine seiner mit Tusche, Deckfarben, Farb- und Bleistiften sowie viel Weiß charakterisierten Einblicke in Arroganz und Dummheit der herrschenden Kaste des wilhelminischen Deutschlands, aber auch Bilder von proletarischer Not und Repression. Während Th. Th. Heine, Bruno Paul und Gulbransson sich mit der Tagespolitik zu beschäftigen hatten, wurde Thöny der Experte für die malerisch ausgearbeitete Gesellschaftssatire nach französischem Muster.</P><P>Die Texte zu den Zeichnungen stammten meist von Redaktionskollegen: als Anstoß zu einer Bildidee oder nachträglich, als Wortlaut der dargestellten Personen. Thönys Druckvorlagen waren variabel verwendbar. Ihm ging es nicht um die Darstellung namentlich bekannter Einzelpersonen, sondern um Typisierungen in immer wieder neuen Varianten: "Wenn die Jungens das Vaterunser können und wissen, wie ihr König heißt, so ist das vollauf genug", meint der beleibte ostelbische Großagrarier zum Thema Bildungspolitik. Offiziere missachten den Reichstag, das Sinnbild der ungeliebten Demokratie: "Wäre doch'n tadelloses Lokal für'n neues Hohenzollern-Museum." Arbeiter zählen nicht, sie können abgeschafft werden: "Seh'n Sie, so'ne Maschine ist der richtige, ideale Arbeiter. Sie braucht keine Zulage, kommt nie zu spät und is nie auf dem Lokus", sagt der Unternehmer.</P><P>Bis 14. September, Katalog 30 Euro. Tel. 08022/33 38.</P>

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