Die Sprache freistellen

München - Als es vor acht Jahren in Oberammergau eine runderneuerte Passion gab, war daran maßgeblich mitbeteiligt Stefan Hageneier (36). Mittlerweile ist der Bühnenbildner Ausstattungschef des Bayerischen Staatsschauspiels. Da war es sozusagen seine patriotische Pflicht, für das Stück, das morgen am Residenztheater Premiere hat - "Moli´¨res Misanthrop" in der Fassung von Botho Strauß -, die Bühne zu gestalten.

Ausgerechnet jetzt dieses Interview. Zu einem Stück, das quasi bühnenbildfrei ist. Ein bisschen kokettiert Stefan Hageneier damit, dass von seiner Arbeit diesmal eigentlich nicht viel zu sehen sei. Doch ist das diesmal auch eine besondere Premiere.

Er war für dieses Stück nicht von Anfang an als Bühnenbildner vorgesehen. Ursprünglich war "Molières Misanthrop" ("Der Menschenfeind") als eine Inszenierung der berühmten Andrea Breth angekündigt, und die hätte sich ihre Ausstatterin mitgebracht. Mit Breths kurzfristiger Absage und dem zwiefachen Regie-Wechsel - erst zum jungen Andreas Wiedermann, dann zum erfahrenen Chefdramaturgen Hans-Joachim Ruckhäberle - musste es beim Bühnenbild eine hausinterne Lösung geben.

Da konnte Hageneier nicht einfach sagen: "Ich bin dann mal weg. Es wäre auch nicht meine Absicht gewesen." Schließlich sind die Schauspieler, sind Jens Harzer und Marina Galic, Juliane Köhler und Thomas Loibl sowie all die anderen auch geblieben. Hageneier: "Ich finde das eine ganz tolle Haltung, dass man sagt: Breth hin oder her, wir wollen das Stück machen. Obwohl, das Stück ist schwer. Da ist shakespearemäßig alles möglich, also eine starke Regiehaltung nötig."

Die erste Bühnenidee Hageneiers, geplant für Regisseur Wiedermann, wurde verworfen, die zweite nun, in Zusammenarbeit mit Regisseur Ruckhäberle, bietet kaum mehr als Stühle.

Ob eine gebaute Bühne oder ein leerer Raum: Für alle seine  Arbeiten  fertigt  Hageneier zunächst ein Bühnenbildmodell an. Darin werden dann die verschiedenen konzeptionellen Möglichkeiten ausprobiert. Hageneier: "Was mich mehr und mehr interessiert ist, dass Text- und Raumebene nicht immer übereinstimmen müssen; dass die Dinge, die gesagt werden, nicht auch abgebildet werden; dass die Schauspieler durch die Situation des Spiels den Raum erst entstehen lassen. Ich finde, dass ein Bühnenbildner immer auch ein bisschen Regisseur sein muss. Man muss vorausdenken: Wie viel Raum kann ein Schauspieler schaffen?"

Also wird Hageneier wie viele seiner Kollegen eines Tages auch Regie führen? "Im Moment will ich lieber ein sehr guter Bühnenbildner sein." Er wolle sich mit den großen Regisseuren, vor denen er hohen Respekt habe, messen - "auf Augenhöhe". Auch was die großen Texte angeht. Denn, so habe er erkannt: "Die Sprache eines Stücks stellt ihre ganz eigenen Anforderungen an die Bühne."

Zum Beispiel Thomas Bernhards "Am Ziel". Dazu hat soeben im Residenztheater Thomas Langhoff mit den Proben begonnen. "Bei Bernhard habe ich den Eindruck, dass ein gebauter Raum nicht mehr der Sprache entspricht." Auch da müsse der Raum frei sein, die Sprache "sozusagen freigestellt werden. Das kriegt sonst leicht so etwas Theatriges, Muffiges."

Darum braucht Hageneier im Team mit Christian Stückl nicht zu streiten. Die Vorarbeiten zu Oberammergau 2010 haben bereits begonnen. Durch das Festspielhaus ist die Bühne irgendwie schon vorgezeichnet. Wird's dennoch Veränderungen geben? "Ich möchte schon den Raum anders machen, auch die Kostüme. Es sind immerhin zehn Jahre vergangen; man selber ist an einem anderen Punkt angelangt; die Zeiten ändern sich; die Ästhetik auch. Ich könnte es gar nicht vertreten, alles noch einmal ganz genauso zu machen. Man kann den Leuten heute schwer zumuten, dass ihnen alle zehn Jahre dasselbe vorgesetzt wird."

Und obwohl Stefan Hageneier am Staatsschauspiel genügend zu tun hat: Oberammergau ist irgendwie stets präsent. Was es für ihn bedeutet? "Ein großer Traum, der in Erfüllung gegangen ist. Weil ich dort aufgewachsen bin. Die Passion hat im Dorf einen ganz gewaltigen Stellenwert. Ich wollte das immer schon machen. Zudem ist es auch eine tolle Gelegenheit, einmal in so großem Rahmen zu arbeiten." Und auch gesehen zu werden? "Natürlich. Die Theaterleute waren alle da."

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