Sprachglibber

- Ein riesiger textiler Misthaufen. Aus zugenähten, ausgestopften, hässlich gemusterten Kleidungsstücken. Und von ganz oben kräht der Quasi-Me herab: "Innerei ist SelbstLeib mit Hautgewölbe als Existo im eigenen HomedepotSAFT schmoren." Was immer man sich darunter vorstellen mag - um Innereien, Introspektive, Innenräume geht es vor allem in John Bocks "ZeroHero". Schwerlich lässt sich das, was da im Theater im Haus der Kunst (Bayerisches Staatsschauspiel) im Rahmen der Ausstellung "Grotesk!" uraufgeführt und von Jochen Dehn inszeniert wurde, als Stück bezeichnen. Es ist eher so, als ob der Aktionskünstler Bock seine Installationen aus allerlei Gerätschaften und Gerümpel mit Text, Sprachbrocken, Wortausscheidungen überziehen und bekleckern ließe. Zu Sprachskulpturen von eigener Anschaulichkeit bringt es der Textsalat nämlich selten.

<P>Vier Schauspieler spucken diese befremdliche Kaspar-Hauser-Geschichte aus, erzählen sie sozusagen aus der Innenperspektive: Wie jemand, der eben nicht gelernt hat, in logischen Zusammenhängen zu denken, die Übereinkünfte einer Sprachgemeinschaft nicht kennt und sie daher nicht verwenden kann. Der sich selbst aber immerhin auf verschiedene Weisen wahrnehmen kann.</P><P>Deshalb gibt es außer Kaspar, den Thomas Loibl mit allerlei Verrenkungen und viel Ausdruckswillen spielt, noch zwei ebenso schwitzend rackernde Quasi-Mes, gespielt von Oliver Möller und Philipp Wirz. Rudolf Waldemar Brem gibt die Außenwelt sowie den Kerkermeister, der Geburtshilfe leistet: Kaspar entschlüpft dem Inneren des Misthaufens, nachdem ein Video gezeigt hat, wie er sich darin selbst entdeckt und besabbert. </P><P>Nach der Abnabelung von dicken, ausgestopften Schnüren kommt es für ihn auch nicht viel besser. Da wird sein Kopf mit mehreren Dosen Bohnen in einen Topf gestopft, auf dass er bei dieser "Sprachanalyse" genannten Tortur lerne: "Enjoy the silence." Aber die Stille hält nicht lange vor: Dem zwischen Podien wandernden Publikum verstopfen Versatzstücke aus einem Banküberfall, aus Fassbinders "Liebe ist kälter als der Tod" und hässlicher Sprachglibber allmählich die Wahrnehmungskanäle. Genauso wie die quälenden Bilder von den Figuren, die sich zwischen Arztgestühl, Sportgeräten und bunten Apparaturen selbst zu flüchtigen Plastiken verbiegen. Ähnlich wie andere Installationen erfordert auch diese, sie immer und immer wieder zu betrachten, unterstellt man einmal, dass sie mehr als Brockenhaftes erzählen kann. Dass eine theaterhafte Aufführung sich dafür eignet, ist zweifelhaft.</P>

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