Sprachliche Oha-Momente

- "Letztlich geht es in der Literatur wie in der Liebe immer darum, Toastscheiben fallen zu lassen und festzustellen, ob sie endlich einmal mit der Marmeladenseite nach oben auf den Boden schlagen." Schreibt Juli Zeh 2003 in einem autobiografischen Artikel. Die Leipziger Hochpop-Schriftstellerin und Juristin wird 1974 in Bonn geboren, in diejenige Jung-Autoren-Generation, die heute auch nicht mehr die jüngste ist, und bricht 2001 mit ihrem ersten Roman "Adler und Engel" leichthändig, kritisch und kompetent mitten ins zeitgenössische Literaturen-Gespräch.

Zehs neues Buch "Alles auf dem Rasen" trägt den Untertitel "Kein Roman". Keine einheitliche Handlung, stattdessen: 30 gesammelte Essays, die meisten von ihnen Zeitungsbeiträge, aber auch eine Handvoll bisher unveröffentlichter Texte. In fünf selbstreflexiven Kategorien - Politik, Gesellschaft, Recht, Schreiben, Reisen - treffen diese sämtliche dort in Vorurteilen, Ignoranzen oder Tabus verrostete Nägel mitten auf den Kopf.

Bei ihr werden ungute Ahnungen über eine junge Autoren-Lethargie, die das Schreiben mit der Langeweile über eine unmotivierte Umwelt motiviert, hinfällig. Denn Juli Zeh übersäht ihre Bücherseiten mit schwarzen Löchern: Brennpunkte, unverwertetes Material. Es liegt überall unbeachtet herum - weil es für die Allgemeinheit so schwer zu verarbeiten ist . . . Zehs Arbeit wird honoriert: Ihr Finderlohn sind Auszeichnungen wie der Per Olov Enquist-Preis 2005.

Ihre gesammelten Essays sprechen an, gehen nahe, liefern gesellschaftliche wie sprachliche Aha- und Oha-Momente in Mengen. Weil ihre Subjektivität von einer entwaffnenden, gerechten Objektivität ist, einfach, aber rar: dem gesunden Menschenverstand. Das Lockende an Juli Zehs objektiver Subjektivität? Dass sie alles mit der gleichen eingehenden Sorgfalt beobachtet, mit der sie auch den Menschen betrachtet, alles, was ihn Beachtenswertes umgibt, gleich wichtig und darin meist kaltblütig komisch nimmt: seine politischen Debatten, philosophischen Hirngespinste, juristischen Klauseln, Städte und Bauwerke, Heimkehr- und Globalisierungsversuche, seine Sprache und auch seine Marmeladentoasts.

Begnadet ist Zehs Theorie zur Kapitalismusdebatte, die trotz ihres so überhaupt nicht märchenhaften Sujets das Zeug zu einer wiedergelesenen Lieblingsgeschichte hat. Gerissen: ihre Paragraphen-Vision zur "Entzeitung" in einer nur mehr digitalen Medienwelt. Wunderschön: ihre Reiseberichte aus Sarajewo, in denen ausgerechnet die Ironie der Wehmut eine Hand auf die Schulter legt. Inmitten von Trümmern ist Juli Zeh eine Asphaltblumen-Pflückerin. Es liegt eine schöne Einfalt in ihren fabelhaften Entdeckungen. Und um auf den literarischen Brotaufstrich vom Anfang zurückzukommen: "Alles auf dem Rasen" besitzt genau 296 Marmeladenseiten.

Juli Zeh: "Alles auf dem Rasen. Kein Roman". Schöffling & Co., Frankfurt/Main, 296 Seiten; 19,90 Euro.

Die Autorin liest am Samstag um 21.30 Uhr bei der "5. HVB-Festspiel-Nacht" im Hugendubel, Theatinerstraße 11. Der Eintritt ist frei. Info: about.hypovereinsbank.de.

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