In der Sprechblase

- "Herr Doktor, immer wenn ich Wasser lasse, höre ich Texte." - "Sie haben eine Sprechblase." Günter Brus' Witz aus seiner Valentin-Hommage "Selig sind, die Erfolge leiden . . ." trifft den Kern der Ausstellung "Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit" im Haus der Kunst. Nicht nur den Kalauer, die Überraschung, den Schock, die Geschmacklosigkeit, die Bosheit liebt diese Kunst, sie liebt auch Sprache. Texte, ob unmittelbar verwendet, ob mitgedacht, sind immer präsent.

<P>Valentins Frisiersalon</P><P>Die Schau, für die Frankfurter Schirn von Pamela Kort konzipiert und von Stephanie Rosenthal für München umgestaltet, startet traditionsbewusst, aber trotzdem ganz gemein dadaistisch und satirisch aggressiv mit Rudolf Schlichters und John Heartfields fliegender Militär-Sau "Preußischer Erzengel" und dem erbarmungslosen Bauern-Spott von Georg Scholz. Da sind Markus Lüpertz' Riesen-Ei-und-Lauch-Plastik ("Ess! Versetzte die Maus ziemlich scharf", 1981) und Thomas Schüttes vier gewaltige Keramikköpfe ("Konferenz", 2002) samt gemalten Körper-Verzerrungen von Eugen Schönebeck und Maria Lassnig oder Martin Kippenbergers gepinselte Knall-Comedy vergleichsweise lieb.</P><P>Gerhard Rühm und Oswald Wiener, Vertreter der Wiener Gruppe, markieren mit "Kind und Welt" (1958) das Extrem. Sie wollen beim Betrachter tiefes Entsetzen auslösen: Fotos von furchtbar deformierten Babys kontrastieren mit solchen von hübschen Frauen und mit illusionslosen Bemerkungen. Hier nähern sich Kunst und Zynismus. Wie überhaupt der kritisch-satirische Zweig des Grotesken die Grenzüberschreitung sucht. Gefühle zu verletzen, seien es humanitäre, religiöse, seien es ständische, patriotische oder bildungsverliebte, ist gewissermaßen ein Muss. Das Verspielte, Skurrile, Schräge wird dabei zum Medium für Humor der schwärzesten Sorte. </P><P>Dazu zählt der hinreißende Film von/mit Karl Valentin, "Die Mysterien eines Frisiersalons" (1923), bei dem übrigens Bertolt Brecht begeistert mitgearbeitet hat (Regie mit Erich Engel). Dass Köpfe beim Rasieren schon mal verloren gehen können und nur mit viel Slapstick-Mühe wieder eingefangen werden, ist neben anderen Streifen in einem Minikino im Gartensaal zu erleben. Neben Valentin ist noch ein anderer Münchner Filmemacher und Bühnenkünstler vertreten: Herbert Achternbusch. Was die beiden von den anderen Grotesk-Künstlern der Ausstellung abhebt - abgesehen von ihrer virtuosen Beherrschung der Medienvielfalt -, ist ihre Verwurzelung in der Volkskunst zwischen Volkssängern und Laienspielern. Das irrwitzige Spektrum der beiden ist allerdings im Rahmen so einer Präsentation nicht einmal annähernd darstellbar.</P><P>Während im Parterre des Hauses die Varianten der "Frechen Kunst" angerissen werden, holt man sich in der Galerie die kunsthistorischen Weihen samt Hinweis auf Kabarett, Seltsam-Literaten und "Entartet Kunst". Arnold Böcklin, der Schrecken weihevoller Altphilologen, wird vor allem als Grotesk-Ahn eingesetzt; natürlich gibt's bis zurück in die Antike Vorläufer des Ausgeflippten. Wie überhaupt zu allen Zeiten die "ordentliche" Kunst von der "unordentlichen" ergänzt wird. Eine ohne die andere gibt es nicht - im Grunde sind sie ein Ganzes.</P><P>Gefährliche Märchen</P><P>Mit der Wende zum 20. Jahrhundert zerfielen die Gewissheiten des 19. Jahrhunderts. Alfred Kubin und Paul Klee, Max Ernst und Kurt Schwitters schildern eine befremdlich gewordene Realität. Mit der haben wir uns längst abgefunden. Der erweiterte Kunstbegriff von Duchamp bis Beuys hat Freiheiten beschert, die die Künstler zu nutzen wissen. Sigmar Polke warf sich in den 60ern sein "Großes Schimpftuch" mit einer stattlichen Sammlung einschlägiger Worte um, Fischli & Weiss bastelten aus Müll Skulpturen, die zum Beispiel "Frau Birne bringt ihrem Mann vor der Oper das frisch gebügelte Hemd, der Bub raucht" (1984) heißen, und Ulrike Ottinger zeigt Fotografien von verrätselten Märchen-Handlungen.</P><P>27. 6.-14. 9. Tel. 089/21 127 123. Katalog, Prestel Verlag: 32 Euro. </P><P>Im Begleitprogramm u. a. "Zero Hero" von dem Künstler John Bock, Premiere im Theater im Haus der Kunst 10. 7.; szenische Lesung mit Texten von Valentin, Thoma, Wedekind u. a. am 20. 7.<BR><BR></P>

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