Sprecher seiner Zeit

- Ein Strichmännchen eroberte in den 80er-Jahren die Welt. Es demonstrierte gegen Atomkraft und engagierte sich für Live Aid und Unicef, es warnte eindringlich vor Aids. Als Keith Haring 1990 mit 31 Jahren selbst an dieser Krankheit starb, hatte er seine Botschaften weltweit auf Tausenden von Artikeln aus seinem "Pop Shop" mitgeteilt. Seine Kunst wurde inflationär, vielfach kopiert und des Sinnes beraubt. Jetzt kehrt die Ernsthaftigkeit Harings wieder zurück: In der Versicherungskammer Bayern in München sind Poster als Inbegriff der treffsicheren "Short Messages" ausgestellt. Kaum zu glauben, dass es die erste Präsentation von Harings Plakatwerk überhaupt ist. Immerhin hat er in acht Jahren 85 Stück entworfen und damit ein kulturelles und gesellschaftliches Zeichen gesetzt.

<P>Die 83 Arbeiten in München, die danach auf Wanderschaft durch Deutschland gehen, hat Kurator Marc Gundel thematisch gegliedert. Dennoch zeigen sie auch eine stilistische Entwicklung, die Harings Werk in der Vermischung von Alltag, Kunst und Marketing als Meilenstein der 80er-Jahre ausweist. Nach dem Studium der Werbegrafik in Pittsburgh und in New York an der School of Visual Arts wurden vor allem die Pop Art und Andy Warhol prägend. Haring besann sich auf Straßenkultur, Graffities und ethnische Einflüsse. Das erste Plakat 1982 anlässlich einer Anti-Atomkraft-Demonstration verweist auf seine überklebten und mit Kreide bemalten U-Bahn-Werbeflächen: schwarze Strichmännchen in Aufruhr, das erste Strahlenbaby, aber kaum Text. Diese All-Over-Struktur kennzeichnet die Frühphase, dann wird Haring immer klarer, integriert die Schrift, sendet akzentuierte Botschaften mit wenigen, dichten Figuren.</P><P>"Ein Künstler ist zu jeder Zeit in der Geschichte ein Sprecher seiner Zeit", schrieb Haring in seinen Tagebüchern. Er ließ unter dem Motto "Free South Africa" einen angeketteten Schwarzen seinen weißen Peiniger zertreten, verwandelte Picassos Friedenstauben zu Hiroshima-Mahnmalen. Er  gestaltete 1989 die drei ignoranten Affen zu gelben Männchen um, die unter dem Titel "Ignorance = Fear, Silence = Death" die Aids-Problematik auf den Punkt brachten. Harings soziale Anliegen sind der beeindruckendeste Part der doch recht brav präsentierten Ausstellung.</P><P>Ein strahlender Mond mit hypnotischen Augen, getragen von drei Haring-Atlanten, ist eines der besten Beispiele für die Poster rund um die eigenen Ausstellungen: Knallige Farben, klare Sprache, Witz, aber auch Zitate sind die Merkmale. Das tanzende Spiralmännchen für das Jazzfestival Montreux ist ein fröhlicher Stellvertreter für einen weiteren Arbeitsbereich Harings: Beeinflusst von der Rap-Szene widmete er sich vielen kulturellen Veranstaltungen. Ähnlich geartet der große Bereich Produktwerbung, der Haring bekannt machte, aber auch fast um seinen guten Ruf brachte. Die Eröffnung des eigenen Shops 1986 war die letzte Konsequenz: gnadenlose Selbstvermarktung.</P><P>Bis 25. Januar; Maximilianstraße 25; Tel. 089/ 21 60 26 62. Katalog: 19 Euro. <BR></P>

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