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Spannung trotz Handlungsarmut: Dem Resi-Ensemble gelingt im Marstall ein Kunststück.

Eine Premierenkritik

Sprechoper der Zeitgeister

München - Die Uraufführung von Nis-Momme Stockmanns „Phosphorus“ als Auftragswerk des Münchner Residenztheaters. Eine Premierenkritik.

Erkenntnis gründet hier auf einem Missverständnis. „Phosphoros“ nannten die Menschen der Antike den Morgenstern, Lichtbringer. „Hesperos“ war ihr Name für den Abendstern, der von Finsternis kündete. Was die Vorfahren freilich nicht wussten: Beide Namen galten ein- und demselben Planeten – Venus. Gegensätzliches, gar Widersprüche vereinen in sich auch die Figuren in „Phosphoros“. Nis-Momme Stockmanns neues Stück entstand im Auftrag des Münchner Residenztheaters als Beitrag zur Auseinandersetzung des Hauses mit dem „Faust“-Stoff. Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen wurde der Abend uraufgeführt; am Freitag, einen Tag nach der „Faust“-Premiere, kam Anne Lenks Inszenierung nun am Marstall heraus. S

tockmanns Vorlage ist ein mehr als 200-seitiger Textberg mit 16 Figuren, die viel sprechen, aber kaum handeln. Der Autor selbst beschreibt „Phosphoros“ als ein „Stück über das dämliche Wort ,Schicksal‘, die Macht des Einzelnen, über die Masse und sein Individuum, über die Zeit, über Kontrolle und vor allem über die gängige Verwechslung von Angst mit Liebe“.

In schnell geschnittenen, oft auch parallel spielenden Szenen folgt Stockmann seinen Figuren, die durchweg die Frage zu beantworten suchen, ob ein richtiges Leben im falschen möglich ist. Im Zentrum steht der Physiker Lew Katz, der in seinen Seminaren den „Ursprung des Kosmos und der menschlichen Existenz“ ergründen will. Ein faustischer Charakter also. In seinem Eifer, seiner Fortschrittsverweigerung (bloß keine E-Mails!), seinem Leiden am Seilschaften-abhängigen Wissenschaftsbetrieb ist dieser Katz ein, zwar wunderlicher, aber doch sympathischer Typ. Er ist allerdings auch ein arroganter Sack, der seine Studenten, seine Sekretärin verachtet und seine Frau Anne neben sich verdorren lässt.

Stockmann hat in allen seinen Protagonisten solche Licht- und Schattenmomente angelegt und ihre Biografien in einer geschickten Konstruktion miteinander verwoben. In kurzen, blitzlichtartig aufleuchtenden Szenen führt er sein Personal vor: in theoretischen Diskursen, komischen Wortwechseln. Manche Sätze schrammen haarscharf am Kalenderspruch vorbei, andere wiederum treffen in ihrer Lakonie ins Schwarze.

Regisseurin Anne Lenk hat bereits in der Spielzeit 2011/12 im Cuvilliéstheater gezeigt, dass sie keine Angst vor sperrigen Texten hat. Damals inszenierte sie die Uraufführung von Franz Xaver Kroetz’ Kindesmissbrauchs-Drama „Du hast gewackelt“. Verglichen damit ist Stockmanns Vorlage inhaltlich zwar ein Leichtgewicht, aber ein verdammt unhandliches. Lenk gelingt es jedoch zusammen mit dem konzentrierten, spielfreudigen und perfekt abgestimmten Ensemble, den Text zu bezwingen. Dafür verinnerlichte auch sie die Idee von Phosphoros und Hesperos: Auf der leeren Marstall-Bühne, unter einem schwankenden Scheinwerfer behält Lenk einen liebevollen Blick auf die Figuren – trotz deren Fehlern und Schwächen.

Sie und ihre Schauspieler hüten sich davor, Karikaturen auszustellen, die Stockmanns Text durchaus hergegeben hätte. Geschickt hat Lenk die Parallelität der Szenen eingerichtet. Dadurch und durch das hohe Tempo bekommt der Abend eine gute, unterhaltsame Dynamik. Dennoch hätten den drei Stunden (eine Pause) eine zusätzliche Straffung gut getan. Den Schauspielern glückt allerdings eindrucksvoll das Kunststück, trotz Handlungsarmut und einiger Textlängen Spannung und Energie hochzuhalten: Eine Freude, dem Ensemble bei der Arbeit zuzuschauen. Jubel und Getrampel nach der Premiere für diese Sprechoper der Zeitgeister.

Nächste Vorstellungen  am 18., 20. Juni sowie am 2. und 20. Juli; Telefon 089/ 2185-1940

Michael Schleicher

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