Wie eine Supernova

München - Von wegen Pop-Opa: Bruce Springsteen spielt sich und das Publikum in einen Rausch.

Die Aufgabe der Kunst sei es, Gefühle zu kommunizieren, meinte Leo Tolstoi. Demnach wäre Bruce Springsteen ein vollkommener Künstler. Da sind zum Beispiel diese zwei Mädchen, höchstens 16 Jahre alt. Man würde sie eher bei Tokyo Hotel verorten, aber sie stehen im fast ausverkauften Münchner Olympiastadion bei Springsteen, der ihr Großvater sein könnte. Und sie sind nicht da, um eine Ikone zu beglotzen, sondern singen mit Inbrunst vom ersten Takt an mit. Bei jedem Lied, fast drei Stunden lang. Die meisten dieser Lieder sind älter als sie. Und es ist gut möglich, dass sie nicht immer wissen, was die Texte genau bedeuten, aber das ist egal: Sie verstehen es.

Der "Boss" in München

Der „Boss“ hat es wieder geschafft. Er hat den Fans einen unvergesslichen Abend beschert. Auch mit bald 60 Jahren ist er nicht dazu bereit, sich in die Rolle des Pop-Opas drängen zu lassen, der freundlich seine größten Erfolge präsentiert. Nicht nur, dass Teenager Zeile für Zeile des eher unbekannten „Spirit In The Night“ aus dem ersten Album von 1973 mitsingen können, sogar ein brandneues Stück wie „Outlaw Pete“ wird gefeiert, als sei es ein Klassiker.

Springsteen ist auch nach über 35 Jahren im Geschäft ein relevanter Musiker. Außer Bob Dylan gibt es nichts Vergleichbares. Die manische Kraft, mit der sich der Mann in seine Auftritte wirft, erstaunt jedes Mal. Mit der hingebungsvollen E-Street-Band im Rücken tobt Springsteen über die Bühne, als ginge es um sein Seelenheil. Er braucht diesen Rausch, in den er sich und das Publikum spielt. Selbstverständlich sind eiserne Disziplin und professionelles Handwerk im Spiel. Aber nicht nur. Eine derart emotionale Show kann nur jemand hinlegen, der selbst jede Sekunde auskostet und dem es Genugtuung bereitet, wie eine Supernova zu explodieren und seine Energie in die Nacht zu schleudern.

Bemerkenswert, wie unangestrengt es wirkt, wenn Springsteen Drama, Humor, Romantik und Pathos in einen Abend packt und zwar so, dass es völlig stimmig wirkt. Wie immer verzichtet er auf Effekte und Spielereien. Die Videowände dienen allein der Kommunikation mit dem Publikum. Springsteen nutzt das virtuos, um eine Atmosphäre von Intimität zu erzeugen, die im Stadion eigentlich unmöglich ist. Ausgelassen albert er mit den Fans in den ersten Reihen, mancher darf ins Mikrofon singen, dann wieder wechselt er geschickt den Tonfall, spielt düstere Lieder über Arbeitslose, Enttäuschte, Menschen, die am Ende sind.

Mit „Working on a Dream“ hält Springsteen fast eine Art Predigt. Aus all der Verzweiflung „da draußen“, werde man ein Haus aus Hoffnung errichten. Jetzt im Stadion, mit Hilfe der Musik. Das klingt furchtbar schwülstig. Aber wenn man die Gesichter der Menschen sieht, die jedes Wort in sich aufsaugen und mit glänzenden Augen in den Refrain einstimmen, merkt man, dass sie genau das brauchen: jemanden, der nicht nur unterhält, sondern auch Hoffnung gibt. Es ist ein riskantes Spiel mit Träumen, das nur gewinnen kann, wer selbst daran glaubt. Springsteen tut es.

Zoran Gojic

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