Spritziges Hochzeitschaos

- Auf der Mini-Drehbühne, zwischen vier Alu-Türrahmen posieren zehn Rokoko-Figurinen, Pappmaschee in schlichtem Grau-Weiß. Noch während neun Musiker - Streichquintett plus Holzbläser-Quartett - sich hurtig in den Wirbel von Mozarts "Figaro"-Ouvertüre hineinsaugen lassen, beziehen die Sänger hinter den Schablonen Position und füttern kess das kleine Orchester klanglich ein wenig an.

Ruckzuck verschwinden die Rokoko-Anklänge, Figaro präsentiert sich in fantasievollem Diener-Dress und sucht sich singend aus dem Ikea-Katalog sein Mobiliar zusammen: "Tronse, Billy" Seine Hochzeit steht kurz bevor. Und der "Tolle Tag", den Beaumarchais ihm vorher noch bescherte und der Mozart und Da Ponte zur ersten gemeinsamen Opera buffa inspirierte, wird in der Pasinger Fabrik zum tollen Abend. Denn hier hat sich wieder einmal ein junges Team daran gewagt, auf kleiner Flamme (Orchester, Bühne) große Oper zu brauen - mit (be-)rauschendem Erfolg.

Bartolo grantelt baierisch

Andreas P. Heinzmann hat sein Orchesterchen sicher im Griff, heizt ihm temperamentvoll ein und sorgt mit scharfen Akzenten für die vorrevolutionäre Würze, sodass fehlendes Schlagzeug, Horn und Trompete gar nicht vermisst werden. Der Kontakt zu den Sängern ist eng und wackelt auch in den Finali nicht. Nur ab und an begleitet der Dirigent sie in den Rezitativen am Cembalo, denn meistens gestatten Arrangeure (Wolfgang Roth, Heinzmann und Martin Hannus) und Regie ihnen frisch-freche Dialoge. Insgesamt sorgt beste Textverständlichkeit (Neufassung: Alexander Netschajew) für erhöhten Spaß beim Publikum.

Zudem stürzen sich alle Sänger mit solcher Intensität (das Piano kommt dabei eher zu kurz) in ihre Rollen und werden von Regisseurin Doris Heinrichsen so unbeschwert und komödiantisch auf Trab gehalten, dass Kurzweil pur herrscht. Keine blöden Gags, kein verqueres Konzept, keinerlei Ausstattungszauber, sondern allein die durch die Musik entfachte Spielfreude schürt Liebesverlangen und Eifersucht, Intrige und Versteckspiel im Hause des Grafen Almaviva.

Erwin Kloker und Eva Lüps lassen die Bühne fast leer. Sie gönnen Figaro und Susanna ein Ikea-Sofa, der Gräfin eine Liege, dem Grafen eine wohl gerundete (Moore-)Plastik und setzen im Alltagskunterbunt der Kostüme charakteristische Akzente: Dr. Bartolo trägt einen Lodenjanker und darf entsprechend baierisch granteln. Passt vorzüglich. Der Italienisch singende und sprechende Cherubino übt sich derweil als Latin Lover, dem Figaro die Flausen kräftig austreibt: nix mit Gucci, Armani, Dolce & Gabana, mein kleiner Narziss!

Wolfgang Wirsching (Merkur-Förderpreisträger) genießt es, als knuffiger Figaro im Komödientrubel die Fäden zu ziehen und erobert mit Charme und angenehm geschmeidigem Bariton das Publikum. Marina Spielmann steht ihm als muntere, mit rundem, klangschönem Sopran ausgestattete Susanna nicht nach. Jens Müller leiht dem Grafen kernige Macho-Töne und Katrin-Silja Kurz startet als Gräfin erst in der zweiten Arie durch. Katharina Bocks verwirrter Cherubino landet schließlich in den Armen der durchtriebenen Barbarina von Lusi Yang, und Sven Fürsts markig tönender Bartolo arrangiert sich mit Veronika Bennings altjüngferlicher Marzelline. Da können Stefan Kastners eitel-intriganter Basilio und Marcus Weishaars strammer Antonio nur staunen und das Ensemble stimmig abrunden.

22., 23., 28., 29.6., Tel. 089/ 82 92 90 79.

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