Mit der Spürnase am Bild

- "Schmidt-Rottluff oder nicht" heißt eines der Kapitel in der Ausstellung "detectivstories" des Münchner Doerner- Institutes in der Pinakothek der Moderne. Kurator Andreas Burmester leitet jenes Institut, das für die bildende Kunst so viel ist wie kriminaltechnische Labore in einschlägigen Krimiserien fürs "Leben".

Und wie diesen wird auch den "Doerners" enorme Neugier entgegengebracht. Gerade wenn es aber um Verbrechen geht, müssen Fragen abgeblockt werden. Die Schau soll nun die Interessierten befriedigen -nicht bloß, was Fälschungen angeht. In 15 Stationen und am Exempel von Alexander Jawlensky, Oskar Kokoschka, Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Ludwig Kirchner gibt das Institut, das zurzeit fast alle Münchner Museen angeregt hat, eigene "Wissensspeicher"- Expositionen anzubieten (wir berichteten), Auskunft über die Techniken ihrer Spürnasen.

Sie dienen der Rettung und Restaurierung, der Entlarvung und Neuentdeckung, der Vergewisserungen und Wissenserweiterung. Beispiel Jawlensky. 1896 kam er nach München, und ein paar Jahre später nahm er an der Revolution Flohmarkt und Fälschung des Blauen Reiters teil. Anhand eines frühen, impressionistischen Werks -unter ihm zeigt das Röntgenbild eine Frauengestalt -und eines farbflammenden Frauenantlitzes der expressionistischen Periode zeigt man, wie der Russe experimentiert hat. Leidenschaftlich nutzte er Marktneuheiten wie Cadmiumrot, das wir als Fanal in seinen Gemälden sehen, trimmt sie aber mit Bindemitteln von Ei bis Harz auf seine sehr Arbeitsweise. Farbige Makrofotos erzählen von seiner Technik bis ins Pinselhaar- Detail hinein.

Bei Kokoschkas beiden Selbstporträts aus seiner Dresdner Zeit ist das Münchner Doerner Institut in einen veritablen Expertenstreit eingestiegen, der sich schon lange hinzieht. Da ist ein O.K., der sich in Dresden so unwohl wie nur möglich fühlte. Er zeigt sich mal im gelben, mal im blauen Sakko, aber immer mit schiefem Blick und merkwürdig verschränkten Armen. Der gelbe Kokoschka wurde für eine Kopie gehalten; zumal Witwe Olga dagegen wetterte. Die Naturwissenschaftler bewiesen aber von der selben genutzten Leinwandrolle über genau nachvollzogene Pinselrichtungen bis hin zu detektivischen Recherchen zur Provenienz (wo war wann das Bild), dass beide Selbstbildnisse von 1922 und ’23 von des Meisters Hand stammen.

Nachdem die Münchner Po lizei Material aus einem alten Fälscherfall im Januar entsorgt hatte, bietet Burmester nun Schmidt-Rottluff-Fälschungen auf, die sein Haus entlarvt hatte. Dennoch können die ein zähes Leben haben, erzählt er: Einige tauchen immer wieder bei ihm auf. Neben dem untrüglichen Röntgenauge, das natürlich "expressionistisch" übermalte Flohmarkt-Schinken durchschaut, gibt’s Fälscherfehler. Elemente der echten "Vorlagen" wurden plump, ohne genaues Wissen um die Lebensumstände des Künstlers zusammengestrickt. Diese "Kennerschaft", so Burmester, braucht man auch bei Kirchner, denn der legte mit Übermalungen und Umdatierungen gern falsche Spuren. Da fand zum Beispiel die Röntgenkamera unter seiner "Tanzgruppe" das verschollene Gemälde "Die Paulis".

Bis 12. November. Tel. 089/ 28 80 53 60

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