Spur der tödlichen Utopie

- Brennende Schwäne über einem kleinen Waldsee in Südschweden. Der Friede der Landschaft und die gefiederten Symbole der Schönheit zerstört durch einen perfiden Gewaltakt. Henning Mankell baut auch in seinem jüngsten Kriminalroman "Vor dem Frost" sehr schnell eine bedrückende und bedrohliche Stimmung auf. Die Gefahr, die in der Welt seiner Bücher stets präsent ist, beginnt sich - nun nicht mehr nebulös - als etwas Konkretes zusammenzuballen. Außer den Tätern - und den Lesern - wissen die handelnden Personen noch nichts davon. Die gequälten Tiere sind die ersten, kaum deutbaren Anzeichen. Wer ahnt schon, dass es sich um mehr handelt als um fiesen Sadismus?

<P>Brandopfer sind das. Henning Mankell führt in ein aktuelles Feld unserer Angst, er will religiösen Fanatismus analysieren. Wir schreiben das Jahr 2001 - Spätsommer. Am Ende des Romans starren die Polizisten, die Kollegen von Kurt Wallander, wie Millionen Menschen überall auf der Welt auf den Bildschirm: Die Twin Towers brennen.</P><P>Der Schriftsteller ist nicht so abgeschmackt, eine Abrechnung mit dem radikalen Islamismus konstruieren zu wollen. Er sucht ebenso wenig die ideologische Auseinandersetzung. Vielmehr verankert er den Fanatismus im Individuum, in dessen Persönlichkeit. Deswegen auch sein Prolog: 1978, ein verzweifelter Mann im Dschungel von Guyana. Seine Lebensstruktur ist zerfetzt - von Schüssen. Er ist auf der Flucht. Der Sektenchef hat den Massen- (selbst)mord erzwungen. Nur der Hoffnungslose, der Sinn-Entleerte überlebt. Jahrzehnte später wird er eine Schar Menschen aus aller Welt um sich versammeln, um seine Utopie von einer besseren Welt durchzusetzen. </P><P>Während dieser Erik Westin einen fürchterlichen Neuanfang plant, geht es bei Linda Wallander um einen ganz alltäglichen. Mankell-Leser kennen sie als Tochter des Ermittlers Kurt Wallander, die nie so recht wusste, wohin es beruflich gehen solle. Jetzt ist sie Polizeianwärterin und wird in ein paar Tagen als Streifenpolizistin in Ystad, wo auch Papa Kurt arbeitet, beginnen. Die Zeit will nicht vergehen; also trifft sie sich mit Freundinnen aus Kindertagen. Am wichtigsten ist ihr Anne Westin, der sie sich sehr nah fühlt, plötzlich aber wieder ganz entfremdet. Und dann ist Anna, die absolut zuverlässige Anna, verschwunden - ohne jede Nachricht. <BR>Für Linda beginnt eine zermürbende Suche, denn keiner macht sich Sorgen, nicht einmal Annas Mutter. </P><P>Echte Anhaltspunkte, dass etwas Schlimmes passiert ist, hat die Polizistin in spe nicht, aber ihr Instinkt leitet sie. Zäh und gründlich wie ihr Vater rekapituliert sie immer wieder Annas Wesen, ihr Verhalten - und die Tatsachen. Anna hatte kurz vor ihrem Verschwinden geglaubt, ihren heftig vermissten Vater gesehen zu haben. Linda Wallander benutzt die Wohnung ihrer Freundin als Rätselbox, die es zu dechiffrieren gilt. Spuren tauchen auf, etwa zu dem ersten Mordopfer, einer älteren Forscherin, die enthauptet im Wald gefunden worden war. Dort wurde auch ein umgeschriebenes, ein "fünftes" Evangelium entdeckt. Immer näher tastet sich Linda Wallander an den Kern der mal bloß merkwürdigen, mal entsetzlichen Vorfälle heran, ohne die Wahrheit erkennen zu können. Immer näher kommt sie dabei der tödlichen Gefahr.</P><P>Henning Mankell ist mit "Vor dem Frost" ein ungewöhnlich dichter Kriminalroman gelungen. Nie wird platt argumentiert. Die religiöse Wahnwelt der Auserwählten wird zum Teil verständlich. Ihre Einsamkeit, ihre Not, ihre existenzielle Sinnlosigkeit zwingt sie, einen Halt zu suchen. Ein typisch menschlicher Zug. Warum dieses positive Muster dann plötzlich in den Willen zur totalen Zerstörung umschlägt? Gerade vor dieser Frage muss auch der Schriftsteller kapitulieren.</P><P>Henning Mankell: "Vor dem Frost". Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Paul Zsolnay Verlag, Wien. 541 Seiten, 24,90 Euro.<BR>Ab morgen ist das Buch im Handel.<BR><BR></P>

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