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Akribischer Rechercheur: Markus Krischer hat der Lebensgeschichte eines muslimischen Kriegers nachgespürt, der zum christlichen Sänftenträger wurde.

Interview zum Buch

Auf den Spuren des ersten Türken in München

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München - Er war wahrscheinlich der erste Türke, der auf deutschem Boden lebte - in München: Anton Achmet. Nun ist ein Buch über den späteren Sänftenträger von Kurfürst Max II erschienen.

Sechs Jahre recherchierte Markus Krischer, Vize-Chefredakteur des „Focus“, für sein Buch „Der Mann aus Babadag“. Dienstag-Abend stellte er es im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege vor. Es ist die Biografie eines Türken, von dem wir sicher wissen, dass er höchstwahrscheinlich der erste war, der auf deutschem Boden lebte – in München: Anton Achmet.

Ein Muslim, der 1683 mit dem osmanischen Heer vor Wien stand, in Gefangenschaft geriet, zum Christentum konvertierte – und Sänftenträger von Kurfürst Max II. Emanuel wurde. Ein Gespräch über Integration in einer fremden Welt.

War Anton Achmet am Ende ein echter Münchner?

Krischer: Ich kann nichts darüber sagen, ob er glücklich war oder ob er nicht zeitlebens seiner osmanischen Heimat Babadag, das heute in Rumänien liegt, nachtrauerte. Aber: Anders als die meisten seiner Landsleute, die während der sogenannten Türkenkriege im 17. Jahrhundert verschleppt wurden, blieb Anton Achmet kein Grenzgänger. Er baute sich eine neue Existenz auf, wurde in München heimisch.

Woran machen Sie das konkret fest?

Er, der Muslim, ließ sich taufen. Und: Kurfürst Max II. Emanuel übernahm die Patenschaft für den Konvertierten. Das geht aus Aufzeichnungen des Jahres 1684 hervor. Die Taufe fand im Münchner Zuchthaus statt – Anton Achmet war ja ein sogenannter Beutetürke, er war ein Jahr zuvor bei Wien gefangen genommen worden und saß nun hinter Gittern. Getauft hatte ihn ein Priester der ältesten Münchner Kirche St. Peter. In dieser Kirche sollte Anton Achmet später heiraten, und am Ende sollte ein Geistlicher jener Pfarrei auch seinen Tod dokumentieren. Anton Achmet war kein Fremder mehr. Er gehörte zu dieser Kirche – und damit zur Stadt München.

Jetzt mal überspitzt ausgedrückt: Heißt integrieren etwa konvertieren?

Damals schon. Eine Taufe bedeutete für einen Kriegsgefangenen vor allem eines: Freiheit. Und Anton Achmet wollte frei sein. Die Taufe war also die Voraussetzung dafür, um Fuß zu fassen in München ...

Also war die Integration doch eher erzwungen?

Nein, sie folgte pragmatischen Gesichtspunkten. Es war Taktik – eine Art Einbürgerungstest, wenn Sie so wollen. Die Menschen lebten in der Barockzeit ja sehr eingeengt, sei es wegen der vorherrschenden Standesgrenzen oder eben religiöser Grenzen. Während die meisten osmanischen Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter in der Münchner Fabrik starben oder vereinzelt das Glück hatten, durch einen Gefangenenaustausch wieder in die Heimat zu kommen, beschloss Anton Achmet das Beste aus seiner schwierigen Situation zu machen. Man könnte fast sagen: Die Entscheidung, Christ zu werden, war letztlich eine Frage des Überlebens. Denn in Bezug auf die verschleppten Türken war Bayern damals eine Sklavenhaltergesellschaft – das wissen die meisten nur nicht.

Sie haben seit 2008 den Lebensweg Anton Achmets recherchiert. Was hat Sie am meisten fasziniert?

Ich fand es zutiefst beeindruckend, wie unfassbar zäh und tapfer die Menschen damals waren. Sie haben so viel ertragen müssen – und versuchten trotzdem, durchzuhalten, einen Weg für sich zu finden. Vielleicht ein Stück Glück in all dem Unglück.

Was lernen Sie – und wir – daraus?

Bei all den Unterschieden, die zwischen der Barockzeit und der heutigen Zeit herrschen, gibt es doch eine große Gemeinsamkeit: die Sehnsucht der Menschen, sich in einer fremden Welt zurecht zu finden. Dieses Thema ist ja aktueller denn je – vor allem vor dem Hintergrund der vielen Flüchtlinge, die uns jüngst auch in Bayern erreichen. Ich glaube, wir können uns alle einiges von Anton Achmet abschauen.

Nämlich?

Seine Laufbahn ist doch durchaus beachtlich: vom muslimischen Krieger zum christlichen Sänftenträger. Wobei wir davon ausgehen können, dass er, der Knecht, mit seinem Herren, dem Kurfürsten Max II. Emanuel, kaum ein Wort gewechselt hat. Der Mann war ein absolutistischer Fürst, für den sich solche Gespräche nicht ziemten. Aber: Max II. Emanuel brauchte Anton Achmet, als Zeuge seiner eigenen Größe und vielleicht auch als Mittler zu den anderen in München lebenden Muslimen. Und er belohnte seinen treuen Knecht ebenso mit Treue – indem ihm Anton Achmet dienen durfte.

Ja, das war wohl das höchste der Gefühle.

(lacht) Wissen Sie, was für mich das höchste der Gefühle war? Zu sehen, wie weit die deutsch-türkische Geschichte zurückreicht. Viele denken ja, sie begann erst so richtig mit den ersten Gastarbeitern. Aber das stimmt nicht! Sie begann in der Barockzeit. Nach den Türkenkriegen hatte der Islam seinen Schrecken verloren, türkische Musik und Kleidung kamen in Mode, der sächsische Kurfürst zum Beispiel konnte nicht genug davon bekommen. Und, ganz wichtig: Der Kaffee kam nach Deutschland. Nicht auszudenken, was wir heute ohne ihn täten.

Interview: Barbara Nazarewska

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