Auf den Spuren kosmischer Spiritualität

- Den Belangen der Seele spürte der japanische Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe in dem Roman "Grüner Baum in Flammen" nach. Mit ihm schrieb Oe den ersten, titelgebenden Teil einer Romantrilogie, seiner Auseinandersetzung mit den metaphysischen Bedürfnissen des Menschen. Vom lodernden Gewächs ist im zweiten Roman nur noch eine verkohlte Verästelung geblieben: "Der schwarze Ast" ist trocken und brüchig. Auch wenn das erste Buch die Lektüre erleichtert, kann der zweite Teil isoliert gelesen werden. Durchhaltevermögen erfordert "Der schwarze Ast" allemal.

<P>Die Handlung beschränkt sich auf ein Minimum an spannungsreicher Bewegung, das Personal dagegen ist reichhaltig. Im Mittelpunkt steht Bruder Gii, unbewegtes Gravitationszentrum in konzentrierter Meditation, Haupt einer neuen Kirche. Wie diese Kirche aus den Wurzeln des alten, mythischen Glaubens auf der Insel Shikoku spross, ihre Anfechtungen als vermeintliche Sekte erlitt und sich dennoch in einem kleinen Kern behaupten konnte, erfuhr man im "Grünen Baum". </P><P>Im "Schwarzen Ast" wird nun ein Katechismus gesucht, Glaubensinhalte und Riten. Persönliches Profil in eine solch abstrakte Fragestellung bringt vor allem der Generalkonsul, der Vater Giis, der sich mit einem Krebsleiden auf die Insel zurückgezogen hat. Onkel K., Schriftsteller und Alter Ego des Autors, zwar ein "Mensch ohne Glauben", doch angezogen von der religiösen Dimension der Gnade, schafft ironische Distanz. Erzählt oder vielmehr protokolliert wird wiederum von Satchan, nun zur Frau geworden. Im weiteren Umkreis scharen sich Heilbedürftige, ideelle wie materielle Mäzene und Interessierte. <BR><BR>Alle diese Figuren kreisen um eine leere Mitte, um die Frage nach Erlösung leidgeprüfter und sinnsuchender Seelen und vor allem danach, wer für diese Erlösung einstehen könnte. Den blinden Fleck zu füllen, wird Bruder Gii angetragen. Und sein Dilemma ist gleichermaßen das Problem von Oes Unterfangen, das auf den Spuren kosmischer Spiritualität wandelt und dennoch skeptisch bleibt: "Ich finde die Metapher vom Haus ohne Bewohner sehr zutreffend. Ich stelle mir eine Art Kokon vor, der innen vielleicht leer ist, leer ist, vielleicht sogar besser. Ich habe nie einen Gott definiert, der im Inneren des Kokons existieren soll." Die bemühte Verpuppung des Kokons kommt im "Schwarzen Ast" der Quadratur des Kreises gleich. </P><P>Und so beziehen sich die Figuren bei ihren Berechnungen statt auf Erfahrungswerte auf wissenschaftliche, künstlerische und religiöse Positionen, werden zu sterilen Redefiguren, die sich in dialektischen Gesprächen austauschen: über Mystiker, Mantren und Semiotik, Yeats, Dostojewski und Wagner, Architektur, Akustik und Mathematik. Tod und Eros sind zwar Themen, durch vereinzelte Handlungselemente veranschaulicht, doch auf Distanz gehalten. Darin liegt die Qualität wie die Schwierigkeit des Buches: Es stellt die großen Fragen, lässt aber den Leser, ist er begierig auf Antworten oder zumindest auf Geschichten, verhungern. Im günstigen Fall wird dieser Hunger selbst produktiv.Christoph Kappes <BR><BR>Kenzaburo Oe: "Der schwarze Ast". <BR>Aus dem Japanischen von Nora Bierich. <BR>S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main. 281 Seiten, <BR>Preis: 24, 90 Euro. <BR></P>

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