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„Die Vision des hl. Hieronymus“ mit einem Engel, der keine Vuvuzela bläst, sondern ans Jüngste Gericht gemahnt. Das Werk von Langetti hängt im Cleveland Museum of Art.

Spurensuche: Die Vuvuzela in der "Vision des hl. Hieronymus"

München - Eine Leserin hat uns eine kleine Abbildung dieses Gemäldes als Vuvuzela-Gaudi geschickt. Wir haben uns für Sie auf Spurensuche begeben. Was hinter dem Bild steckt:

Na, so schlimm kann das Vuvuzela-Getröte doch gar nicht sein, dass der alte Mann deswegen gleich umfällt! Eine Leserin hatte unserer Zeitung das Foto dieses Gemäldes gemailt: natürlich als Scherz über die gerade dauertönenden Blasinstrumente der Fußball-WM-begeisterten Zuschauer. Vuvuzelas also keine Erfindung der modernen Südafrikaner, sondern eine uralte Form, mit der man kräftige Schallwellen erzeugen kann. Auf dem Bild tut dies ein Engel offenbar mit schrecklicher Gewalt. Dass die Bibel - und auf deren Umfeld bezieht sich das Werk - sehr viel über die Macht der Töne wusste, beweisen ja schon die Trompeten von Jericho. Sie ließen Mauern einstürzen. Noch schrecklicher sind die Trompeten aber, die den Jüngsten Tag verkünden: Die Welt wird untergehen.

Genau diese Vision hatte der heilige Hieronymus. Sie gehört zu den (Legenden-)Episoden, die die Maler bevorzugt darstellten, wenn es um diesen lateinischen Kirchenvater ging. Damit haben wir den Mann für unsere Leserin schon einmal identifiziert. Und am dynamischen, körperbetonten Malstil die Zeit des Barock. Die weitere Suche war allerdings nicht so leicht, denn Hieronymus wird meistens „im Gehäus“ (Dürer) dargestellt, also in seiner Studierstube. Bücher und Schreibzeug weisen ihn als Gelehrten aus. Totenkopf und Stundenglas, häufig dazuarrangiert, erinnern an die Vergänglichkeit (siehe Abb.). Oft ist er in ein Kardinalsgewand gekleidet - obwohl der Mann, der um 347 in Stridon (Dalmatien) geboren wurde, nie diesen Rang eingenommen hat. Aber nach vielen Studien war er als Wissenschaftler so angesehen, dass ihn Papst Damasus als Sekretär zu sich berief. Der Forscher durfte sogar die Bibel neu in ein frischeres Lateinisch übersetzen: Die Vulgata ist heute noch eines der wichtigsten Werke. Für die mittelalterlichen Künstler musste er demnach eine hochgestellte Persönlichkeit sein. Seitdem fehlt das rote Tuch in keinem Bild (siehe Abb.).

Hieronymus hatte sich schon vor seinem Rom-Aufenthalt dem mönchischen Leben verschrieben, ja er hauste in der syrischen Wüste. Darauf spielen die Gemälde an, die ihn ausgemergelt in der wilden Natur zeigen. Oft als Büßer, der sich mit einem Stein an die Brust schlägt. Tatsächlich lebte er mit anderen Mönchen zusammen. Dort begegnete er auch dem Attribut, das ihn leicht erkennbar und uns ganz besonders sympathisch macht. Wer staunt, dass bei dem Weisen „im Gehäus“ ein Löwe brav wie ein Hunderl sitzt, wird hier fündig. Der Legenda Aurea zufolge hinkte einmal zum Entsetzen der Mönche ein Löwe in ihre Runde. Der Heilige entfernte einen Dorn aus der Tatze und pflegte ihn. Das neue Haustier war ihm bis zum Tod treu, leckte Hieronymus die Füße, als er später, nach seiner Zeit bei Damasus, in Bethlehem im Sterben lag (420). Die Maler liebten das eindrucksvolle Attribut Löwe. Dieses Tier, oft auf Wappen, erinnert einerseits an den geflügelten Löwen des Evangelisten Markus, andererseits ist es ein Symbol der Stärke und Wildheit: Diese werden durch den Glauben gezähmt. Also taucht in fast jeder Hieronymus-Darstellung die Großkatze auf.

In dem Bild unserer Leserin aber steht die Vision im Mittelpunkt; der Löwe schaut lediglich besorgt aus dem Dunkeln heraus. Wichtig ist nicht, was Hieronymus sieht, sondern dass er vom Engel der Offenbarung, gewissermaßen von Gott selbst, aufgerüttelt wird. Der Trompetenschall reißt seine Aufmerksamkeit an sich. Der Heilige taumelt zurück. Die Statuszeichen roter Mantel und Kardinalshut werden nichtig angesichts des drohenden Untergangs. Was bleibt, ist der hinfällige Mensch - eine typisch barocke Mahnung für die Betrachter.

Viele Bildmotive sind nun entschlüsselt - aber wer ist der Maler dieser dramatischen Szene? Die Leserin hatte die Mail auch nur von anderen Vuvuzela-Fans bekommen, die es aus Gaudi immer weiter schickten. Ursprung? Quelle? Erst-Sender? Fehlanzeige! Bücherwälzen und Expertenbefragung brachten kein Ergebnis, und die Signatur war auf dem Ausdruck unleserlich. Dem Internet sei Dank, dann doch die Entdeckung: Das Werk „Die Vision des heiligen Hieronymus“ (1660) stammt von Giovanni Battista Langetti (1625-1676). Der Genueser, der seinerzeit hoch geschätzt und dann vergessen war, erweist sich als Maler, der den raffinierten Hell-Dunkel-Inszenierungsstil eines Caravaggio versiert umsetzen konnte. Das Ölgemälde ist im Besitz des Cleveland Museum of Art: sicher kein Quell vieler Vuvuzelas, aber von Kunst zwischen Antike und Exotik, Design und Moderne.

Nach einigen Buchbinder-Wanninger-Gesprächen, um den zuständigen Museumskonservator zu erreichen, „reiste“ nun eine ansehnlichere Version der „Vision“ (als die winzige der Leser-Mail) über den Großen Teich nach München. Vuvuzela und Hieronymus: Was die Amerikaner jetzt wohl von uns denken? Wahrscheinlich: Die Bayern sind total narrisch - nicht nur auf ihrem Oktoberfest.

Von Simone Dattenberger

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