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Brillante Arbeit am Kulturerbe: Szene aus der Rekonstruktion von „Paquita“.

Premierenkritik 

"Paquita"-Premiere: Ein Akt der Archäologie

München - Alexei Ratmansky riskiert mit dem Bayerischen Staatsballett einen neuen Blick auf Petipas „Paquita“.

Der Vorhang im Münchner Nationaltheater teilt sich zur Ballettpremiere, und es wird nicht getanzt. Das kennen wir nicht mehr. Romantische Ballette, zu denen „Paquita“ gehört oder „Giselle“ oder „Le Corsaire“, trumpfen schnell mit Tanzszenen auf. Hier aber kommen lange Minuten der Pantomime, und da gibt es im Publikum schon die erste Verstörung. Es baut sich Ablehnung auf gegen dieses im 19. Jahrhundert nuancenreich entwickelte Theatermittel, das die Heutigen kaum mehr entschlüsseln können.

Nun ging aber der weltweit berühmte russische Tänzer, Choreograf und Tanzhistoriker Alexei Ratmansky an die Wurzeln. Sein Ziel: Marius Petipas weitgehend verschollene Produktion wieder herzustellen. Das Stück, 1846 in Paris in einer Choreografie von Joseph Mazilier uraufgeführt und ein Jahr später in einer anderen von Petipa nach Petersburg gebracht, sollte in dessen Version mit Hilfe von in Amerika aufgefundenen Aufzeichnungen rekonstruiert werden – ein Akt hoch zu bewundernder Tanz-Archäologie.

Es zeigt sich, dass das, was wir als „Petipa“ kennen, im Laufe der Zeit abgeschliffen ist, dass es feine Schritte, andere Hand-, Bein - und Kopfhaltungen gibt, als wir wussten. Das in der Premiere des Bayerischen Staatsballetts sehen zu dürfen (und die Pantomime gehört eben dazu), macht größtes Vergnügen, wenn die Company es tänzerisch so brillant umsetzen kann. Man braucht aber schon ein Spezial-Interesse am reinen Tanz, denn die Handlung mit ihren Intrigen und Verwechslungen ist höchst unoriginell – nur dazu da, Gelegenheit für Auftritte der feinen Gesellschaft, für satte Zigeunertänze und fulminante Soli zu bieten.

Wie bei Courths-Mahler darf der junge Graf die Zigeunerin Paquita zwar heiraten, aber erst, nachdem sich herausgestellt hat, dass sie als Kind geraubt wurde und auch hochadlig ist. Ratmansky belässt es in seiner Inszenierung beim naiven Charme des Stücks, das 1813 in Spanien zur Zeit der französischen Besetzung spielt. Viel Grotten-Architektur in zeitfremdem Styropor (Ausstattung: Jérôme Kaplan). Die Kostüme spiegeln Empire und Biedermeier in mürben Farben, nur Paquitas roter Rock sticht zu hart heraus. Dramatische Macho-Bösewichter sind erlaubt, ein „Drachenfels“ von beobachtenden Schwiegermüttern, aber vor allem Mädchen, Mädchen, Mädchen, die sich mit Feuereifer auf die Feinheiten der neuen Gesten und Schritte gestürzt haben.

Allen voran Daria Sukhorukova in der Titelrolle. Ein herber, charaktervoller Typ, kein Püppchen, und in ihrem blitzsauberen Tanz, in der Klarheit und Sicherheit der Linie überzeugend. Tigran Mikayelyan, sehr ritterlich (viel hat er ja nicht zu tun, bis endlich am Schluss seine „Manege“ kommt), muss sich mit dem Wüterich Inigo (Cyril Pierre) um sie prügeln. Das Publikum liebte den pfiffig hingetupften Pas de trois von Katherine Markowskaja, Javier Amo und Mai Kono.

Myron Romanul wirkt am Pult diesmal sehr engagiert, er hat an der Orchestrierung der Musik von Minkus, Deldevez und vielen anderen mitgewirkt. Da es am Schluss viel Tanz gab, viel Brillanz und davor noch die unfehlbare Kindermazurka, folgte großer Beifall. Trotzdem: Die Lager blieben bei vielen Foyer-Gesprächen geteilt. Während die einen eine solche Rekonstruktionstat als wertvolle Arbeit am Kulturerbe feiern, halten die anderen eine derart akribische Beschäftigung wie überhaupt ein romantisches Ballett für komplett überholt. Hoffen wir, dass sie nicht Recht behalten.

Beate Kayser

Weitere Vorstellungen am 16., 18. und 30.12. sowie am 2., 8., 9. und 11.1. Telefon 089/ 2185-1920.

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