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Gefühle werden zu Bewegungen: Joana de Andrade ist die Seele der Produktion „Für die Kinder von gestern, heute und morgen“.

Premierenkritik

Ja, sie können Bausch!

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München - Das Staatsballett startet seine Festwochen mit „Für die Kinder von gestern, heute und morgen“.

So viele Bilder! So viele schmelzend schöne lateinamerikanische und hard-rockige US-Musiknummern. So viel tänzerische Bewegung und heiter-ernste Sprech-Szenen. Kein Zweifel: Wir sehen hier Tanztheater der großen Pina Bausch (1940–2009). Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre rebellierte sie gegen ein im klassischen Code erstarrtes Ballett und initiierte zugleich die neue dramaturgische Form der Szenen-Montage. Im Rahmen von „Tanzland Deutschland“ konnte Bettina Wagner-Bergelt, treibende Kraft im Staatsballett für modernen Repertoire-Zugewinn, etwas spät, aber noch rechtzeitig zum Abschied ihres Chefs Ivan Liška, von Wuppertal Bauschs „Für die Kinder von gestern, heute und morgen“ (2002) erwerben. Das Publikum beim Auftakt der Ballett-Festwochen im Münchner Nationaltheater dankte mit tosendem Schlussapplaus.

Es ist ein Werk aus dem späten Œuvre mit naturgemäß besänftigter Rebellion, wo auch wieder getanzt wird. Und nun schwebt über dem Abend überzeugend ein „Ja, wir können Bausch!“ In Peter Pabsts puristisch weißem Guckkasten, der sich später auch im Raum tanzend verschiebt, sitzen zwei Männer auf einem Tisch. Der eine kippt seitlich weg, der andere hält ihn in letzter Sekunde am steil hoch gestreckten Bein fest, bevor der sich den Kopf aufschlägt. So mehrmals. Kinderspiele will die Bausch hier in Erinnerung rufen, Bewegungsdrang, Mutproben von Halbwüchsigen, die bäuchlings auf rollendem Untergestell über die Bühne schießen, mit dem Brustkorb gegeneinander rennen wie rivalisierende Bullen; auch die jugendliche Aufmüpfigkeit, wenn sich die 15 Mitwirkenden mit Besenbürsten provozierend die Haare ins Gesicht peitschen.

Dann die Probleme der Heranwachsenden: Scheu vor dem anderen Geschlecht, aber doch gefallen, berühren, geliebt werden wollen. „Liebst du mich“, fragt Matteo Dilaghi – beeindruckend seine in sich ruhende Präsenz – die hinreißend kernige Partnerin Marta Navarrete Villalba, die ihn mit rauchigem Hispano-Akzent hinhält: „Vielleicht. Mal sehen. Aber nur eine halbe Minute.“ Ihr Hauptthema, die komplexe, sehr gut Roman-füllende Mann-Frau-Beziehung spielt die Bausch grandios in Sekunden-Szenen durch: Sehnsucht, Abweisung, Frustration und erkaltete Liebe. „This is my Wife“, sagt Matej Urban, dicht vor Séverine Ferrolier stehend, und schaut mit gefühlsleerem Blick ins Publikum. So sehr das Stück wie ein traumartiges Puzzle anmutet, Bausch schlägt doch klar den Bogen von der Kindheit zum Erwachsenwerden.

Ihre Bildaussagen haben weniger kämpferischen Biss als früher, wirken gelegentlich rein dekorativ. Auf manche Szene, wo sie sich Kindisch-Kindliches erlaubt, könnte man verzichten. Aber unschätzbar ihr Arbeiten an und mit dem Tänzer, wo er ganz zu sich selbst findet. Da liegt das wichtige Tanz-Erbe! Das Staatsensemble kann selbstredend nicht die Bühnenschwerkraft aufbringen von langjährigen Bausch-Mitgliedern, die ihr Tanztheater ja miterschaffen haben. Aber hier sind doch einige zu ihrer eigenen Persönlichkeit gereift, können plötzlich mit tragender Stimme sprechen, holen die Bewegungen aus dem tiefsten Inneren hervor und lassen sie als gelebtes Gefühl, heiter oder schmerzvoll, in den Raum hinein fließen – wie Joana de Andrade, die bis jetzt im Ensemble unterging und die Seele dieses Abends war.

Profitiert haben alle 15 Tänzer. Die Frauen in Marion Citos transparenten blumen-bestickten Traumkleidern werfen sich in die den ganzen Oberkörper biegenden, wirbelnden Soli, flattern wie Vögel, wie Fledermäuse und verweisen auf das vorgelesene Märchen vom erblindeten Eichhörnchen, das in eine Fledermaus verwandelt wurde – und endlich fliegen konnte. Fliegen können hier die Männer, sogar in verdrehten Sprüngen, schlittern und zucken dann halsbrecherisch über den Boden. Im tänzerischen Teil ist die Bausch absolut zeitgenössisch. Auch darum ist es schade, dass unter Igor Zelenskys anstehender Direktion das Bausch-Stück nicht mehr zu sehen sein wird.

Weitere Vorstellung

am 8. April, 19.30 Uhr,

Telefon 089/ 2185-1920.

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