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Die Schlussszene mit Giuseppe Filianoti (Nemorino), Nino Machaidze (Adina, beide auf der Kugel) und Ambrogio Maestri (Dulcamara).

Staatsoper: Bösch inszeniert Donizettis "Liebestrank"

München - Premiere an der Bayerischen Staatsoper: David Bösch inszenierte Donizettis "Liebestrank". Die Kritik:

Weiß funzelt das Licht aus den Neonröhren, ein zusammengeschmurgelter gelber Luftballon hängt am Laternenmast – und er. Sucht in vier Metern Höhe nach dem rechten Stand und weiß nicht recht: noch höher hinaus oder lieber hinunterstürzen? Und singt dann doch von der „Furtiva lagrima“, von der verstohlenen Träne. Vier Minuten, so gefährlich wie gefährdet, in denen der ganze Abend zusammenfällt. Seine Poesie, die skurrile Komik und das unsagbare Herzweh, das Nemorino umtreibt, sich bei ihm in hilflosen, ins Leere laufenden Gesten äußert: Die Liebe muss raus – nur wie?

Der Jubel, der nun losbricht, gilt daher nicht unbedingt dem Gesang Giuseppe Filianotis, vielmehr und verfrüht (das Finale steht schließlich noch bevor) der gesamten Premiere. Wurde ja auch Zeit: Mit Gaëtano Donizettis „L’elisir d’amore“ hat die Bayerische Staatsoper endlich wieder eine Aufführung, die zum Renner taugt. Die eine gute Dosis von dem transportiert, warum es einen immer wieder in solche Musentempel treibt – auch wenn für Gesangstechniker und spaßbremsende Nörgler kleine Angriffsflächen geboten sind.

Giuseppe Filianoti als Nemorino, umringt von den Damen des Dorfes

Denn sicher könnte Filianoti mit mehr lyrischer Grazie, mit mehr Verzierungseleganz singen. Sicher kann man sich auch eine ausgeglichenere Stimme als den vibratoreichen, kühlen, dennoch technisch sattelfesten und höhensicheren Sopran von Nino Machaidze (Adina) vorstellen. Gewiss könnte auch der kernig auftrumpfende Fabio Maria Capitanucci geschmeidiger durch die Koloraturen eilen (was aber nur den Raubauz-Charme Belcores unterstreicht). Und zweifellos gäbe es Dirigenten, die Donizetti mehr Zunder geben, offensiver mit dem Swing der 1830er-Jahre umgehen – obgleich Juraij Valcuha mit einer Sicherheit, die an diesem Haus aus der Mode gekommen ist, den meist präzisen Chor und das Staatsorchester manövriert, nie die Sänger zum Forcieren zwingt und sich’s nach der Pause immer besser in der Partitur einrichtet.

Entscheidend ist ja anderes: dass sich hier ein Stück, dem gern das Klischee „Leichtgewicht“ aufgepappt wird, als berührende Tragikomödie entpuppt. Verantwortlich dafür ist Regisseur und Opern-Debütant David Bösch. Der zieht kein niedliches Wunschkonzert ab, sondern erdet den „Liebestrank“ in einer ärmlichen Nachkriegswüstenei, die Fellini-Atmosphäre atmet. Die Kostüme der zivilen Dorfbevölkerung muffen nach Fünfzigerjahre, die Soldateska ist eine Horde von Michelinmännchen, denen das Maschinengewehr locker sitzt und mit Brandwunden die Zeichen der Schlacht ins Gesicht geschrieben sind. An den großen Deko-Herzen sind die ersten Glühbirnen durchgeknallt, bunte Luftballons sind zaghafte Stimmungsaufheller: Nicht überraschend also, dass Dulcamaras Auftritt die größtmögliche Sensation bietet. Eine insektengleiche Wunderkugel mit Heu-Umwendern, die spinnenbeinig herausragen, haben Bösch und sein Bühnenbildner Patrick Bannwart für ihn ersonnen. Ein Coup. Zumal der „Chauffeur“ Ambrogio Maestri seinen Provinz-Guru mit Vollkörper-Komik gibt: ein Sänger, dem mit perfektem Timing und feinen Nuancen die beste Vokalleistung des Abends glückt. Kein Fläschchen Bordeaux ist sein Liebestrank, sondern ein Zylinder mit Schlauch, dem erst per Überdruckpumpe das ersehnte Gesöff entweicht.

Bösch, der seine Solisten sichtlich begeistert hat, glückt dabei die Gratwanderung: zwischen grobmotorischem Humor und kleinen Hintergründigkeiten, zwischen der großen Kitschgeste und zartbitterer Poesie. Gerade in den Details ist diese sehr genaue Inszenierung so stark: wenn die bezopfte Giannetta, die von der vielversprechenden Tara Erraught gesungen wird, zwei Stunden lang an vergeblicher Zuneigung zu Nemorino darbt. Wenn Nemorino der angebeteten Adina mit trampelhafter Kraft den Ring aufsteckt, den die Widerspenstige fortan nicht mehr vom Finger bekommt. Oder wenn sie sich endlich zur Liebe bekennt – und Nemorino für seine Begeisterung verzweifelt nach der passenden Körpersprache sucht: was Wunder, dass darob im Publikum manch kleine Träne verdrückt wird.

Mögen in den Folgeserien andere Tenöre bis zu Rolando Villazón engagiert sein: Dieser „Liebestrank“ ist der Abend Giuseppe Filianotis. Ein trauriger Tramp à la Chaplin und Keaton. Ein Clown, irgendwie aus der Welt geworfen, an ihr leidend, mit fast krankhaftem Optimismus und einem übergroßen Herzen gesegnet. Wie Filianoti das spielt und mit emphatischem Tenor untermauert, verrät den bezaubernden Sängerdarsteller, der hier dank David Bösch sein Schauspiel-Outing erlebt. Jubel, wenige vergeblich ankämpfende Buhs. Nach dem Formtief der vergangenen Monate wiegen die heftigen Ovationen für den Regisseur doppelt: Einer wie Bösch hat der Oper gerade noch gefehlt.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen: 4., 7., 11., 14., 18. Dezember; Telefon 089/ 2185-1920.

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