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„Die Münchner sind verführbarer als die New Yorker oder Wiener“: Nikolaus Bachler in seinem Münchner Intendantenbüro.

Staatsoper-Intendant Nikolaus Bachler über Pläne und Barrikadenkämpfe

München - Als selbstbewusster, lustvoller „Verkäufer“ seines Hauses spielt er, der auf der Theaterbühne begann, die Rolle seines Lebens: Gestern präsentierte Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper, seine dritte Spielzeit.

Die bietet sechs Premieren vom Nixendrama „Rusalka“ bis zum vielstündigen Religionsepos um den heiligen Franziskus.

-Vor Ihrem Amtsantritt sagten Sie unserer Zeitung: „München braucht neue szenische Sprachen.“ Wie erfolgreich war Ihr Sprachkurs bislang?

Das müssen Sie sagen. Ich finde, dass wir sehr gut unterwegs sind.Wir stehen derzeit in der Welt nicht konkurrenz-, aber vergleichslos da. Andere große Häuser verschieben Produktionen kreuz und quer, die Bayerische Staatsoper ist inzwischen das einzig voll agierende, produzierende, kreative Welt-Musiktheaterhaus. Koproduktionen sind Ausnahmen und sollen von hier ausgehen. Außerdem: Unsere Sprachkurse gewinnen immer mehr an Verständlichkeit. Für uns und nach außen. Manche Sprachen verstehen eben alle sofort, andere erschließen sich vielleicht erst nach Jahren.

-Isst der Münchner nur das, was er kennt?

Nein, der Wiener tut das. Manchmal ist es in München schwierig bei neuen Produktionen. Aber nehmen wir mal den teilweise anders besetzten „Don Giovanni“. Das wurde eine so wunderbare Serie. Plötzlich war da eine Akzeptanz, ein Jubel. Ich habe das Gefühl, die Münchner sind verführbarer als die Londoner, New Yorker oder Wiener. Das ist eben sehr mediterran.

-Sie verstehen sich auch als Sänger-Entdecker. Nur um sich bei angehenden Stars das Recht der ersten Nacht zu sichern? Ist denn eine Ensemblepflege, eine Solisten-Entwicklung überhaupt noch möglich?

Heute gibt es in unserer Liga ein Welt-Ensemble. Kontinuitäten kommen über Produktionen zustande. Das heißt, dass ich mir zum Beispiel über fünf, sechs Jahre hinweg mit Jonas Kaufmann ausdenke: Was ist für ihn gut? Was möchte er als Erstes in München machen? Es wäre heute vollkommen illusorisch, ein großes festes Ensemble wie früher aufbauen zu wollen.

-Als Kritik in Richtung Salzburger Festspiele meinten Sie einmal: „Wer alles will, will gar nichts. Das Zauberwort heißt Konzentration.“ Wo ist Ihr Konzentrationsfaden in der nächsten Saison erkennbar?

Wir kümmern uns hier um typisch Münchner Parameter wie das Emotionale, das Mediterrane, das Katholische, das Rituelle. Ich glaube, dass Werke heute weniger unter einem politischen, sondern eher unter einem gesellschaftspsychologischen Aspekt gesehen werden müssen. Heute dreht sich bei „Fidelio“ nicht mehr alles um Macht oder gar Assoziationen mit dem Totalitarismus, sondern darum, dass zum Beispiel jeder in jeden verliebt ist und alle in einem Labyrinth von Liebe gefangen sind.

-Gibt man da nicht Inhalte auf, wenn man sagt: „Die Zeit der Barrikadenkämpfe ist vorbei“?

Nein, weil das Psychologische bietet ja auch Barrikadenkämpfe, nur eben mit anderen Mitteln. Es ist ganz verkehrt, wenn man heute die jungen Leute verurteilt und meint: „Die schaffen so etwas wie 1968 gar nicht mehr.“ Sie machen halt ihre Rebellion, ihren Kampf und ihre Situation zum Thema.

-Also kommen Sie dem Publikum mehr entgegen? Hat man sich von Konfrontationen verabschiedet?

Also wenn man sich unsere letzten Premieren anschaut, kann man das nicht behaupten (lacht). Bis ich sterbe, werde ich immer das Gleiche sagen: Der wahre Künstler sucht nicht die Konfrontation. Sie geschieht, weil sie geschehen muss. Ich habe mich gerade lange mit „Fidelio“-Regisseur Calixto Bieito unterhalten. Alle Welt denkt bei seinem Namen gleich: der Schocker! Dabei ist das ein so zarter Mann, der einen Horror vor Buh-Konzerten hat und sich nichts mehr wünscht, als vom Publikum geliebt zu werden. Auf der anderen Seite ist er ein Besessener, der nur das tut, woran er glaubt. Aus diesem Spannungsfeld entsteht gute Kunst. Das Dogmatisch-Ideologische hat sich ins Gesellschaftspsychologische verwandelt. Ich find’s interessant, wie man gerade mit dem Absturz des polnischen Präsidenten umgeht. Das erinnert mich an den Tod von Lady Diana – oder an den Selbstmord von Robert Enke. Kennedys Tod wurde seinerzeit völlig anders verarbeitet.

-Es heißt, Nikolaus Bachler habe den Jugendwahn und beschäftige keinen mehr über 50. Sind Sie der Horst Seehofer der Oper?

Nein. Wenn man älter wird, merkt man: Die Zukunft gehört den Jüngeren. Man ist eben auch Entdecker und eine Art Ausbilder. Es befriedigt mich sehr, dass zehn Leute aus meiner Burgtheater-Zeit Intendanten oder leitende Dramaturgen wurden. Abgesehen davon: Ich finde, dass sich unser Metier sehr verbürgerlicht hat. Am Theater hat man keine Lebensstellung, für diesen Grundsatz halte ich die Fahne hoch. Die Lebendigkeit eines Hauses wird auch durch den Wechsel ermöglicht.

-Wenn man sich Ihre Auswahl so anschaut: Sind Schauspielregisseure die besseren Opernregisseure?

Nein. Das Ausbildungslager für Opernregisseure war immer das Schauspiel, nehmen Sie nur Chéreau, Strehler oder Felsenstein. Diesen Weg gehen wir weiter, Glücksfälle und Pech inbegriffen.

-Wird Kent Naganos Vertrag über 2013 hinaus verlängert?

Weiß ich nicht. Das ist in erster Linie Sache des Freistaats.

-Hätten Sie es gerne?

Dazu müsste ich mir erst überlegen, ob ich verlängere. Meine Situation ist bis 2013 klar, und neulich haben wir uns im Ministerium unterhalten, wie wir weiterverfahren könnten.

-Wie sieht Ihr Lebensplan aus?

Im Moment bin ich sehr, sehr gern hier. Ich habe eine ziemlich genaue Vorstellung von dem, was ich bis 2013 erreichen möchte. Und jetzt geht es darum herauszufinden: Wie könnte ein anderer Bogen am selben Ort aussehen?

-Sie waren Chef der Wiener Volksoper, also eines „zweiten Opernhauses“ am Ort. Das Gärtnerplatztheater steht vor dem Umbruch. Wie kann sich ein solches Haus behaupten?

Schwierige Frage. Eine viel grundsätzlichere, als man meint. Europaweit haben diese Häuser Probleme. Überall dort, wo es keine strenge Aufgabenteilungen gibt. Die zweiten Häuser waren immer die leichten Unterhaltungstheater mit Lokalkolorit. Diese Zeiten sind vorbei. Das Unterhaltungstheater ist heute MTV und Madonna, nicht Operette oder Musical.

- Ist für Sie an der Staatsoper Operette ein Thema?

Nein. Die ist sowieso kein Thema mehr. Nurmehr als Medley oder als Trash-Produktion. Sie war wie das Musical die Musikform einer ganz bestimmten Zeit. Die Form ist auserzählt. Anders als die Oper, die immer neu beleuchtet werden kann und daher immer neuen Zugang erhält. Sie ist eben welthaltig.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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