Staatsoper-Premiere: Die Rache der Garten-Armee

München - Zwei Märchenopern, so vielsagend wie poetisch - und so unbekannt. Die Bayerische Staatsoper koppelt für ihre neue Produktion Einakter von Alexander Zemlinsky und Maurice Ravel. Letzterer vertonte ein Gleichnis über ein unartiges Kind, die Rolle übernimmt die Irin Tara Erraught.

von Markus Thiel

„Ich bin frei, frei, böse und frei“, jubelt der Kleine. Und hat gerade die Katze gequält, das Eichhörnchen geärgert und sein demoliertes Zimmer verlassen. Böser Bub also? Das lässt sich nicht so leicht sagen, meint zumindest Tara Erraught. „Hier dreht sich alles um ein Kind, das sich nicht lange konzentrieren kann und das noch ein viel größeres Problem hat: Es bekommt nicht genügend Aufmerksamkeit von der Mutter.“ Nur deshalb begehe der Bub diese Untaten. Streiche, für die sich die Tiere am Ende rächen - bis sie bemerken, dass auch der Kleine im tiefsten Innern ein gutes Herz hat.

Für Tara Erraught bringt die Premiere von Ravels „L’Enfant et les sortilèges“ (Das Kind und die Zaubereien) an diesem Sonntag gleich eine Häufung von neuen Erfahrungen: ein für sie bis dato unbekanntes Stück, die erste große französische Rolle, vor allem aber die erste Titelpartie an „ihrem“ Haus. Ziemlich rasant ging das alles für die irische Mezzosopranistin. Gerade war die 24-Jährige noch als Nachwuchskraft im hiesigen Opernstudio aktiv, durfte dort die Cenerentola im Cuvilliés-Theater übernehmen und im großen Haus als urkomische „Liebestrank“-Giannetta auftreten. Der Lohn: Seit dieser Saison hat sie einen Ensemblevertrag an der Staatsoper.

Wie mancher ihrer Kollegen ging auch Tara Erraught vor der Vertragsunterschrift die Frage durch den Kopf: Lieber an ein kleines Haus weiterziehen und dort große Rollen ernten - oder doch auf das Renommee des Münchner Musentempels vertrauen? Doch da war ihr die Staatsoper längst zu sehr ans Herz gewachsen. Noch nie habe sie hier einen Kampf oder eine Rangelei erlebt, schwärmt sie. Und dann diese wunderbaren Kollegen, von denen man so unendlich viel lernen könne: „Nehmen Sie nur Alfred Kuhn, der war ja offenbar vor allen anderen schon da!“

Für ihre aktuelle (Hosen-) Rolle muss sich Tara Erraught ziemlich verstellen. Denn wie man mit Tieren umgeht, hat sie - anders als Ravels Bub - gelernt. Sie kommt aus einem „total kleinen irischen Dorf nur mit einer Post, einer Kirche und einem Polizisten“ und wuchs auf der Farm des Großvaters auf. Auch das, was sie dort in der Großfamilie erleben durfte, unterschied sich völlig vom vereinsamten Titelhelden in Ravels Oper: „Wir Kinder, inklusive aller meiner Cousins und Cousinen, gingen nach der Schule zur Oma, machten Hausaufgaben an einem großen Tisch, aßen dort, musizierten gemeinsam. Über einen Mangel an Zuwendung konnte ich mich nicht beklagen.“

Ravels tierische und kindertaugliche Kurzoper „L’Enfant e les sortilèges“, die 1925 in Monte Carlo uraufgeführt wurde und rund 45 Minuten dauert, bekommt im Nationaltheater einen Verwandten beigesellt. Auch „Der Zwerg“ von Alexander Zemlinsky, der auf Oscar Wildes „Der Geburtstag der Infantin“ basiert und 1922 in Köln erstmals gezeigt wurde, ist ein subtiles Lehrstück. Der hässliche Titelheld tritt in diesem 80-Minüter beim Geburtstag einer Prinzessin auf, in die er sich verliebt. Die Hofgesellschaft macht sich über den Nichtsahnenden lustig, und als er sich erstmals im Spiegel erblickt, bricht er tot zusammen. Kent Nagano dirigiert diese beiden musikalisch so verschiedenen Werke: ein Abend, an dem Ravels pointenreicher Minimalismus auf Zemlinskys Opulenz trifft. Und die inhaltlichen Parallelen wird, so viel darf verraten werden, der polnische Regisseur Grzegorz Jarzyna mit seiner Inszenierung unterstreichen.

Ravels sehr reduzierte Partitur, die auch schräge Tänze integriert, macht es dem Sänger nicht unbedingt leicht. „In der italienischen Oper wird ja alles bis zu 200 Mal wiederholt“, sagt Tara Erraught. „Bei Ravel gibt es das nicht - oder etwas wird minimal variiert. Außerdem dauert jede Szene nicht länger als zweieinhalb Minuten. Normalerweise hat man viel mehr Zeit, um einen Charakter oder eine Situation zu entwickeln.“

Mit Hosenrollen ist Tara Erraught schon vertraut, zum Beispiel mit Mozarts „Figaro“-Cherubino. So etwas wie das Kind in dieser Oper ist ihr allerdings noch nicht untergekommen. Beim pubertierenden jungen Mann Cherubino ließen sich dessen Nöte und Seelenzustände noch relativ leicht erfühlen und darstellen, sagt Tara Erraught. Doch die Perspektive des Kleinkindes, die liege auch für eine junge Sängerin wie sie schon relativ weit zurück. „Es besteht die Gefahr, dass man darstellerisch zu viel gibt, zu hektisch wird. Und das bei mir, wo ich doch alles zu schnell mache, zu schnell spreche, zu schnell gehe und alles schnell haben will.“ Vor diesem Hintergrund sei der Lern-Effekt dieser Produktion also nicht zu unterschätzen: „Ich muss es schaffen, alles langsamer zu tun. Und, wow - das ist wirklich nicht einfach!“

Premiere an diesem Sonntag, Karten unter

Telefon 089/ 2185-1920.

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