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Wenn Theater auf Twitter trifft

München - Was sich Staatsschauspiel und Münchner Kammerspiele für den Kurznachrichtendienst Twitter einfallen lassen.

Im Theater einfach auf einen anderen Zuschauer zugehen und sagen: „Na, Lust, mich mal privat zu treffen?“ – das trauen sich wohl nur die ganz Mutigen. Wie gut, dass es seit einigen Jahren Soziale Netzwerke im Internet gibt, die beim Kennenlernen weiterhelfen. Twitter zum Beispiel. Wer heute gleichgesinnte Theaterfans finden möchte, wird einfach online „Follower“ (sprich: Abonnent) des jeweiligen Hauses und kann sofort aktuelle Nachrichten des Theaters lesen – und sich darüber mit anderen Theatergängern austauschen.

Anja Speth findet’s klasse. Die Münchnerin ist nicht nur Theater-, sondern auch Twitter-Fan. „Heavy User“ nennt man das heutzutage, zu Deutsch: besonders engagierter Zwitscher-Vogel. Für die 37-Jährige ist das Medium die ideale Ergänzung zum normalen Theaterbesuch. So hat sie zum Beispiel Jennifer Dürmeier kennengelernt. Speth hatte Theaterkarten für Shakespeares „Coriolanus“ in London, ein Stück, das Dürmeier unbedingt sehen wollte; also zwitscherte Erstere auf der Twitterseite des Münchner Residenztheaters, dass sie eine Karte übrig habe, Jennifer Dürmeier schlug zu, buchte einen Flug – und die beiden trafen sich kurzerhand (und erstmals persönlich) in England. Die moderne Form, Freundschaften zu schließen.

„Genau das ist das Soziale an Social Media“, sagt Speth. Die beiden Frauen stehen im Residenztheater-Foyer, zusammen mit knapp zwei Dutzend Mitgliedern der „Freunde des Residenztheaters“. Der Förderverein des Theaters bietet – einmal mehr – für seine Mitglieder eine exklusive Führung hinter die Kulissen. Doch Anja Speth geht noch aus einem anderen Grund mit: Seit vergangener Woche haben die Resi-Freunde einen eigenen Twitter-Auftritt. Speth pflegt ihn. Und wird deswegen an diesem Tag die Gruppe auch medial begleiten. Ihre Aufgabe: über die Führung online zu zwitschern.

Das freut nicht nur Stefan Meissner, Vorsitzender des Vereins, sondern auch Ingo Sawilla. Er ist der Social-Media-Beauftragte des Hauses und Experte im Bereich Twitter, Facebook und Co. „Anja ist auf uns zugekommen und hat angeboten, den Twitter-Account der Resi-Freunde zu pflegen. Das finden wir vom Theater natürlich total super, weil das unsere eigenen Internet-Aktivitäten noch um die tolle Arbeit des Freundeskreises ergänzt“, schwärmt Sawilla. Er macht immer wieder Twitter-Touren hinter die Kulissen, zuletzt etwa gestern Nachmittag in die Rüstkammer. Als Mitarbeiter des Theaters hat Sawilla naturgemäß einen anderen Blickwinkel als Speth, die – im Berufsleben Fuhrparkmanagement-Beraterin – ausschließlich privat ins Theater geht.

Dabei möchte die engagierte Münchnerin nicht nur über das Residenztheater kurze 140-Zeichen-Nachrichten ins weltweite Netz absetzen, sondern auch andere Fakten verbreiten, die für Resi-Freunde interessant sein könnten. „Wir haben vom Freundeskreis ja beispielsweise oft Einladungen des Literaturhauses – diese Querverbindungen werde ich auch auf Twitter abbilden“, sagt sie und tippt auf ihr Smartphone. Der erste „Tweet“ ist hinaus in die Welt: „Thomas Bautenbacher erklärt, was uns erwartet – kommt mit!“, lautet er. Dazu ein Foto von Bautenbacher, dem technischem Direktor des Theaters, der die Gruppe durchs Haus führt. Es werden an diesem Nachmittag noch viele Bilder folgen, vom Bühnenboden, aus den Werkstätten, der Schreinerei.

Solche launigen Infos aus dem Innenleben des Theaterbetriebs liest auch Alexandra Lattek gern. Die 42-Jährige ist privat aktive Twitterin – und schreibt nun zusätzlich für die Münchner Kammerspiele. Über vier Proben zu Luk Percevals Inszenierung „Exiles“ hat sie aktuell getwittert. Heute Abend feiert das Stück von James Joyce Premiere. „Ich bin ganz fasziniert, was da für Rückmeldungen kommen. Auf der Twitter-Seite der Kammerspiele entsteht ein richtiger Dialog von Theatermachern, Autoren und Besuchern“, erzählt die Münchnerin. Vier vierstündige Proben hat sie besucht und unentgeltlich darüber geschrieben. Warum? „Für den Ruhm und die Ehre und weil es mir riesig Spaß macht, bei den Proben hautnah dabei zu sein“, sagt sie lachend.

Auch sie hat nämlich versucht, immer das zu schreiben, was der gemeine Theatergänger sonst nicht mitbekommt. Ein Lapsus bei den Proben, ein witziger Spruch des Regisseurs. „Ich denke, das ist, was die Leute interessiert. Man muss schon auch mit einem zwinkernden Auge dabei und nicht immer bierernst sein.“

Das Wichtigste: Dass die Tweets nicht Stunden später, sondern sofort rausgehen. Experte Sawilla weiß: „Twitter funktioniert nur live, unmittelbar. Ein Foto vom Applaus kann ich nicht erst am Tag nach der Premiere veröffentlichen. Genau das ist doch der Spaß am Medium: Dass man das Gefühl hat, man ist dabei.“

Katja Kraft

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