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Schaurig-schön: Anne Schäfer als Tod begleitet den Kassierer (Lambert Hamel) auf seiner Tour.

Für kein Geld der Welt

Tina Lanik inszenierte am Bayerischen Staatsschauspiel Georg Kaisers Stationen-Stück „Von morgens bis mitternachts“. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Es fehlt diesen Menschen die Seele. Und damit wir das kapieren, schweben immer wieder Luftballons mit dem Aufdruck „Soul“ über die Bühne des Münchner Residenztheaters. Seelenlose Menschen gieren vor allem nach Geld, täuschen, um ranzukommen an den Schmierstoff der Gesellschaft. Geld aber, und das steht in großen Lettern quer über der Bühne, „Geld verschlechtert den Wert“.

Die Besetzung

Regie: Tina Lanik.

Bühne: Stefan Hageneier.

Kostüme: Su Sigmund.

Musik: Eva Jantschitsch.

Darsteller: Lambert Hamel (Kassierer), Juliane Köhler (Dame, Vierte Maske), Oliver Nägele (Direktor, Erster Herr, Offizier der Heilsarmee), Anne Schäfer (Dienstmädchen, Tod, Tochter, Mädchen der Heilsarmee), Wolfgang Menardi (Herr, Mutter, Zweite Maske, Soldat der Heilsarmee), Dennis Herrmann (Portier, Sohn, Kellner), Gabi Geist (Frau, Kokotte).

Hat Regisseurin Tina Lanik also zum Holzhammer gegriffen, als sie am Staatsschauspiel Georg Kaisers expressionistisches Stationen-Drama „Von morgens bis mitternachts“ einrichtete? Hat sie sich geflüchtet ins Erwartbare? Zeigt sie, was sowieso alle sehen und lesen können?

Ja. Nein. Lanik nimmt Kaiser wohltuend ernst, wenn sie dessen Kassierer beobachtet, wie er versucht, Gegenwerte für die von ihm unterschlagenen 60 000 Mark zu bekommen. Sie dekliniert seinen Tagesablauf von morgens bis mitternachts mit fast wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit durch. Sieben Stationen hat dieses Drama, das 1917 an den Münchner Kammerspielen auf der anderen Seite der Maximilianstraße uraufgeführt wurde und heute nur selten gespielt wird. Sieben Stationen, bis der Kassierer erkennt: „Mit keinem Geld aus allen Bankkassen der Welt kann man sich irgendwas von Wert kaufen. Man kauft immer weniger, als man bezahlt.“ Dann jagt er sich eine Kugel in den Kopf. Seine Leiche interessiert nur, weil eine Belohnung ausgesetzt wurde.

Die Handlung

Ein Kassierer unterschlägt 60.000 Mark. Fortan sucht er Gelegenheiten, das Geld auszugeben. Doch er erlebt nur Enttäuschungen: Die Dame aus Florenz, die er mit dem Geld zur Flucht überreden will, geht nicht auf das Angebot ein. Die Masse beim Sechstagerennen, die er mit Geld aufwiegelt, wird zahm, als „Seine Hoheit“ erscheint. Frauen entpuppen sich als Fratzen, ihre Leidenschaft als geheuchelt. Er stellt fest: „Man kauft immer weniger, als man bezahlt“ und tötet sich.

Obwohl also von Beginn an alles offensichtlich ist und offen liegt, folgt man der Regisseurin und ihren Schauspielern meist gespannt durch diese zwei Stunden. Denn Lanik gibt sich nicht damit zufrieden, den manchmal gar zu holzschnittartigen Text zu bebildern. Sie findet stattdessen eine szenische Sprache, die für sich steht und in den besten Momenten aktuell ist. Am intensivsten glückt das bei der fünften sowie der letzten Station dieser Irrfahrt: Zunächst erleben wir den Kassierer, wie er doch tatsächlich beim Sechstagerennen die Masse zur fanatischen Extase bringt – weil er ein Wahnsinns-Preisgeld auslobt. Schon glaubt er sich am Ziel, bis „Seine Hoheit“ erscheint und aus dem wilden Mob zahme Untertanen werden. Im letzten Bild dann persifliert Lanik Sektengehabe, in dem sie den wunderbaren Oliver Nägele einen Offizier der Heilsarmee als Mischung aus Prediger und Motivationstrainer spielen lässt – und dabei entlarvt, wie Gurus der Gegenwart Menschen zur Selbstentblößung bringen.

Das Plakative der Vorlage spiegelt sich an diesem Abend auch in der grellen Bühne von Stefan Hageneier und Su Sigmunds exaltierten Kostümen. Durch diese Szenerie stolpert Lambert Hamel als krimineller Kassierer. Der Tod ist sein treuer Begleiter. Es ist ein starker Einfall Laniks, Anne Schäfer geschminkt als Gerippe mit grausigem Dauergrinsen auch jene Szenen spielen zu lassen, in denen sie nicht der Gevatter ist. So werden all ihre Figuren zum memento mori. Schäfer, die so jenseitig wie schaurig-schön spricht, trägt sehr viel zum Gelingen dieses Abends bei. Auch andere, vor allem Hamel, dessen Kassierer das Glück für kein Geld der Welt findet, und Juliane Köhler gefallen. Sie machen auch manche Regie-Albernheit erträglich, die sich vor allem in den ersten Teil verirrt hat.

Nächste Vorstellungen am 26. 12.; 2., 7., 10. Januar; Telefon 089/ 21 85 19 40.

Den Kitt zwischen den Einzelszenen besorgt die Musikerin Eva Jantschitsch. Die Österreicherin begeistert unter ihrem Bühnennamen Gustav seit einiger Zeit mit hintersinnigem Elektro-Pop. Ihre wortmächtigen Lieder, interpretiert mit zerbrechlicher Stimme, sind Bindeglied und Kommentar. Großes Kompliment für diese Idee!

Michael Schleicher

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