1. Startseite
  2. Kultur

„Dalibor in Augsburg“: Rebellion im Gegenlicht

Erstellt:

Von: Markus Thiel

Kommentare

null
Ein Willkürsystem von heute, oft in malerische Schauerbilder getaucht: Szene mit (v.li.) Jan Plausteiner als stummer Heilsbringer, Scott MacAllister (Dalibor) und Sally du Randt (Milada). © Foto: Jan-Pieter Fuhr

Kaum einer hatte dieses effektvolle Stück auf dem Radar. Das Staatstheater Augsburg holt Smetanas „Dalibor“ aus dem Archivkeller - mit großem Erfolg

Augsburg - Es wird viel geschossen an diesem Abend, den Schreckhaften sei’s gesagt. Meistens gilt die Kugel den jungen Wilden, den Mitgliedern des Mobs, die dem Despoten an den Kragen wollen. Und manchmal, eine Chorszene oder ein Duett später, steht der eine oder andere wieder auf. Es wird also auch viel geträumt und halluziniert in dieser Aufführung des Staatstheaters Augsburg, mit der ein Stück aus dem Archivkeller geholt wird. „Dalibor“ von Bedřich Smetana, uraufgeführt 1868, sagt dem Normalkonsumenten nichts, den Tschechen aber viel.

Nach dem Modell der Rettungsoper, das Beethoven rund 60 Jahre zuvor beim ver- dächtig ähnlichen „Fidelio“ verwendete, wird der Kampf gegen einen Unterdrücker gezeigt am Beispiel eines Einzelfalls. Milada will, als Mann verkleidet, ihren geliebten und wegen Mordes verklagten Dalibor aus dem Gefängnis holen. König Vladislav lässt ihn hinrichten, obwohl sich der Herrscher in einer (zu späten) Aufwallung nach Frieden sehnt. Bei der Rebellion kommt auch Milada um. Das Nationalpathos der Musik – Smetanas „Mein Vaterland“ hallt überdeutlich wider – führt in die Irre: Kein unterjochtes Volk erhebt sich hier gegen fremde Machthaber, es ist ein hausgemachter Freiheitskampf.

Gezeigt wird ein Willkürsystem von heute

Ganz folgerichtig interessiert sich Regisseur Roland Schwab, der an der Bayerischen Staatsoper 2015 Boitos „Mefistofele“ herausbrachte, für universale Merkmale des Widerstands, durchgespielt an einem Willkürsystem von heute: hier der Chef mit seinen Business-Schergen, auf der anderen Seite Partisanen in heruntergerissenen Jetztzeit-Klamotten (Kostüme: Renée Listerdal). Der gedrungenen Ausweichspielstätte im Martini-Park begegnet Bühnenbildner Alfred Peter klug mit einem niedrigen, schwarz-grauen Einheitskerker. Immer wieder bricht in diese schwiemelige Welt die Utopie herein, für die Smetana Harfenklänge parat hat oder die Geige, Dalibors Instrument.

Schwab, bei dem sich Figuren und Chor in den beengten Verhältnissen schlüssig und sehr plastisch entwickeln, arbeitet dafür gern mit Beleuchtungstricks. Dunkle Gestalten im rauchverwaberten Gegenlicht, sorgsam drapierte leblose Körper, Dalibor mit „Ecce homo“-Schild, ein halbnackter Jüngling mit erhobener Geige: Was visionär gemeint ist, driftet zuweilen in den Schauer-Kitsch – und polstert die Schrecknisse mit malerischen Bildern.

Theatermusik im besten Sinne

Dass Smetana ein virtuoser Orchesterbediener ist, hört man. Generalmusikdirektor Domonkos Héja und die Augsburger Philharmoniker nehmen das gern auf. Die Partitur, beherzt in ihrer Farbbehandlung, in ihren Atmosphärenzaubereien, ist effektvoll, eine Theatermusik im besten Sinne. Gleichwohl verführt sie dazu, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen. Héja, der alle Akustikfallen des Martini-Parks genau kennt, glückt mit seinem Orchester eine Musterdeutung. Alle Zutaten Smetanas sind ideal dosiert. Man staunt über diese Musik und wird dennoch nicht von ihr überfallen.

Zu hören ist allerdings auch, dass Smetana von seinen Solisten Heikles verlangt. Geschmeidigkeit, Glanz, das alles mit dramatischem Nachdruck serviert, nicht leicht lässt sich dies vereinen. Sally du Randt hat für Milada imponierende Jubeltöne parat, die Mittellage bleibt etwas dünn. Bei Scott MacAllister ist Dalibor, auch vokal, ein gebrochener Held, der sich kraftvoll gegen seine Situation aufbäumen kann. Alejandro Marco-Buhrmester zeichnet Vladislav nicht als 08/15-Bösewicht, findet viele Zwischentöne. Und Jihyun Cecilia Lee als Dalibors Ziehtochter bringt alles auf aparte Weise aus dem Gleichgewicht: Für Momente wird suggeriert, ihre Jitka sei die eigentliche Hauptrolle. Große, ungetrübte Begeisterung nach zweidreiviertel Premierenstunden, für die es die Pause nicht gebraucht hätte. Frankfurt, aktuelles Opernhaus des Jahres, zieht im März 2019 mit einer eigenen „Dalibor“-Produktion nach – und hat ebenso wie Augsburg verstanden: Es muss nicht immer Smetanas „Verkaufte Braut“ sein.

Auch interessant

Kommentare