Tut gar nicht weh

München - „Der Stachel des Skorpions“: Sechs Künstler ließen sich von Luis Buñuels Film „L’âge d’or“ inspirieren.

Das Münchner Bildende-Kunst-Duo M+M mit schönem Hang zum Spielfilm schätzen wir als aufmerksame Aufspürer von visuellen Eigenheiten. Jetzt beweisen sie in der Villa Stuck, dass sie auf dieser Basis sogar eine Gruppenausstellung – mit einem über zehn Jahre langen Atem – zustande bringen. Das Münchner Museum sowie das Institut Mathildenhöhe Darmstadt (ab Juni) haben für das Projekt „Der Stachel des Skorpions – Ein Cadavre exquis nach Luis Buñuels ,L’âge d’or‘“ ihre Tore geöffnet. Marc Weis und Martin De Mattia sind seit Studienzeiten von dem surrealistischen Film infiziert. 1930 kam er in Paris heraus, war ein Skandal und gleich 50 Jahre verboten. Dieses „Goldene Zeitalter“ war zu wild: sexuell, filmästhetisch, antiklerikal und -bürgerlich.

Nach dem surrealistischen Prinzip des „Cadavre exquis“ (exquisite Leiche), einer Art Zufallsstrategie, sollten sechs Künstler(gruppen) auf sechs Szenen aus Buñuels Werk reagieren: Schließlich hat der Schwanz des Skorpions sechs Glieder inklusive Stachelteil, und so ein Tierchen krabbelt zu Anfang durch „L’âge d’or“. Tobias Zielony packt ihn wacker am Hinterteil und lässt Palästinenserinnen damit spielen – im Dunkeln. Ihre Gesichter werden zu schwarzen Leerstellen; im Fluoreszenzlicht leuchten nur die rahmenden Kopftücher, alles Helle und das Tier. Aus dieser Laborsituation zaubert Zielony schließlich ein bestirntes Weltall mit dem „Sternbild“ des Skorpions.

Nicht alle seine Kollegen nehmen die Filmvorgabe so frei auf, denn sie sind in die Buñuel-Falle gegangen, kleben darin fest. Das ist doppelt ungünstig, da „L’âge d’or“ nicht einmal in Auszügen in der Stuck-Villa zu sehen ist (nur am 1. Mai, 19 Uhr, im Filmmuseum). Die Besucher, so sie das Werk nicht kennen, sind auf ein paar Filmfotos und knappe Erklärungen in einem Kabinett angewiesen. M+M scheint dieser Umstand sehr zu beunruhigen, denn sie erklärten auf geradezu surreale Weise bei der Pressekonferenz immer und immer wieder die Buñuel-Szenen und die entsprechenden Kunstwerke.

Entspannt stellten sich die australisch-amerikanischen Chicks on Speed (Melissa Logan, Alex Murray-Leslie) dem alten Surrealisten und fetzten ein poppiges, comic-haftes, mal abgründiges, mal albernes Filmchen in die Wüste. Im Ganzen zu harmlos, aber optisch einfallsreich und unterhaltsam. Tiefer gehen M+M mit ihrem kafkaesken Grauton-Film: Menschen, die abgeführt werden, obwohl sie nichts getan haben. Abgeschwächt wird die Wirkung jedoch durch Liebesgeschwafel aus dem Off.

Ausgesprochen kintoppmäßig kommen die Arbeiten von Keren Cytter und Julian Rosefeldt daher: knallbunt die schäbige US-Bar zwischen Heiterkeit und tödlicher Knallerei; schwarz-weiß die 20er-Jahre-Reminiszenz – wie man sie heute so dreht – mit ein bissl „Cabaret“, Otto-Dix- und Femen-Nackerten. Richtigen Biss hat das nicht. Genauso wenig wie der Abschluss mit John Bocks Arbeit, die doch den Stachel des Skorpions vertreten sollte. Bei Buñuel kommt ein Schloss à la de Sade ins Bild, Bock, der Messi unter den deutschen Künstlern, geht hinein: Im Filmchen dürfen wir anschauen, wie sich Klein-Johnny räudiges Sadomaso-Getümmel halt so vorstellt – plus etwas Selbstironie. Ebenfalls zu nett und mit so viel Fantasie-Fleisch behaftet wie ein abgenagter Divanfuß. Biologen haben schon immer gesagt, dass Skorpione gar nicht so gefährlich sind – jetzt wissen wir es sicher.

Simone Dattenberger

Bis 9. Juni

täglich außer Mo. ab 11 Uhr; Prinzregentenstraße 60.

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