Vor dem Stacheldraht

- Diese Generation hat eine besondere Kraft. Es ist die Generation, die die Anfänge der Moderne mitbekommen hat, jäh vom Zweiten Weltkrieg aus dem Schaffen gerissen wurde und sich später mühsam aus den Bruchstücken der Kunst eine neue Richtung in absoluter Freiheit der Form eroberte. Viele der einmaligen Biografien und hartnäckigen Entwicklungen werden erst jetzt wieder entdeckt.

Bei Carl Rabus (1898-1983) ist es ähnlich: Auch er hat sich mit eisernem Willen durch härteste Zeiten hindurch seine Kreativität bewahrt und sich zu immenser Produktivität gesteigert. Obwohl durchaus erfolgreich in Europa und den USA ist erst jetzt die erste umfassende Schau zu sehen. Lob dafür an das Schlossmuseum Murnau, das damit nicht nur dem Wahl-Murnauer, sondern einem Stück Zeit- und Persönlichkeitsgeschichte ein Denkmal setzt.

Die Haft überlebt

Mit zwei Jahren kam Rabus nach München. Er absolvierte später dort seine künstlerische Ausbildung und blieb, bis auf vier Bühnenbildner-Jahre in Berlin, bis 1934 in der Landeshauptstadt. Dort trat er ein künstlerisches Erbe an, das neben stark expressiven Einflüssen auch mittelalterliche Buchmalerei und Jugendstil integrierte. Neben Illustrationen sind es biblische Themen und Linolschnitte, die er zu intensiven Aussagen bündelt: Ein "Hiob" (1925) verzweifelt mit erhobenen Armen in kantiger Flächen- und Liniensprache. Klar, dass Rabus mit solch expressiver Manier zu Gast in den Münchner Galerien Thannhauser und Goltz war. Wenige Jahre später schlagen sich erste Reisen in starkfarbigen, kraftvollen Landschaften nieder.

Der Einbruch kam 1934: Rabus flüchtete vor den Nationalsozialisten nach Wien. "Die Gefräßigen" (1938), die sich brachial, neidisch, kämpferisch, in harten Konturen, auch im übertragenen Sinne auf alles Greifbare stürzen, sind Sinnbild der Verfolgung. Rabus zieht mit seiner späteren jüdischen Frau Erna weiter nach Belgien. Hier wird er 1940 verhaftet und für drei Monate im Arbeitslager St. Cyprien-sur-Mer in Frankreich interniert. Die Skizzen aus dieser Zeit sind Grundlage für einen Passionszyklus (1945), der sprachlos macht.

Ein Mann, "Passion" auf den Rücken geschrieben, mit verkrampften Händen vor einer Lagermauer. Das ist der Auftakt zu den 15 Linolschnitten, die mit einprägsamen Kurztexten den Kampf ums Menschliche und ums Überleben schildern. Ein Zug Kreuztragender vor Soldaten, flehende Hände vor Stacheldraht, hoffnungsloses Warten in den Baracken, vom Durchfall gequälte Menschen, Kraftlose am Strand - und dazu die Worte: "Freiheit kommt. Sie ist allein in dir." Rabus hat nicht nur sich selbst, sondern auch Leid und Durchhaltevermögen in herber Verdichtung stilisiert. Dazu kommen Eindrücke aus dem Wiener Gefängnis, in das er 1943 wegen "Rassenschande" eingeliefert wurde. Sie hat er auf Blättern für Kaffee-Ersatzmischung, die er zusammenkleben musste, skizziert.

Nach Kriegsende räumt Rabus auf mit den Erinnerungen: Apokalyptische Engel und Gasmasken-Reiter sind noch, nun wesentlich weicher, der frühen Expressionisten-Sprache verbunden. Danach löst sich der Künstler, der ab 1974 in Murnau lebt, zunehmend vom Gegenstand. Spannende Übergänge bieten der "Jongleur" (1953), der gleichsam Formen, Linien, Farben ausbalanciert, oder die symbolgeladenen "Fliegenden Hände" (1960). Hier bahnt sich an, was später in sattem Lila, Schwarz und Rot auf die Leinwand oder auch hinter Glas kommt: großformatige, dicke Farbwellen, die nur noch Kraft durch pulsierende Linien thematisieren.

Bis 19. März, Katalog: 9,80 Euro. Tel. 08841/ 47 62 07.

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