Stachelige Antiheldin

- Jeder schafft sich seine eigene Folter, seine eigene Hölle, schreibt Rosa Montero. Zarza, die Hauptfigur ihres neuen Romans, hat ihren persönlichen Weg ins Verderben kompromisslos beschritten. Er hat sie in eine düstere Unterwelt geführt, ins "Reich von Schneewittchen", ein gnadenloses Paralleluniversum, dessen Pforten sich überall in der Stadt öffnen und das für den braven Bürger doch unsichtbar bleibt.

<P>Doch Zarzas Weg durch dieses Milieu von Drogen, Gewalt und Prostitution ist in Rosa Monteros "Im Herzen des Tartaros" nicht nur beklemmend, sondern auch hochspannend, emotional und tiefgründig. Der spanischen Autorin ist einmal mehr geglückt, woran viele scheitern: intelligent zu unterhalten, eine fesselnde Handlung mit einem klugen Hintergrund und einer komplexen Symbolik zu verbinden.</P><P>Vieldeutig ist bereits der Name der Hauptfigur. Sofí´a Zarzamala, genannt Zarza, der Dornbusch. Sie ist eine stachelige Antiheldin, die demjenigen Wunden zufügt, der ihr zu nahe kommt. Ihren gutherzigen Gefährten Urbano hat sie beraubt und fast totgeschlagen, den Zwillingsbruder Nicolá´s an die Polizei verraten. Doch Zarza braucht ihre dornige Wehrhaftigkeit, um eine zarte und vielfach geschundene Seele vor noch mehr Verletzungen zu schützen.</P><P>Eine verkorkste Kindheit, geprägt von einer depressiven Mutter und einem gewalttätigen Vater, schleppt die 36-Jährige mit sich herum, genauso wie die Erinnerungen an ihren totalen Abstieg in ein von der Droge diktiertes Leben. Und doch sind in diesem Dornbusch auch die göttlichen Flammen nicht erloschen, ebenso wenig wie der unbedingte Wille zu überleben.<BR>Nur wozu überleben, das muss Zarza erst noch herausfinden. Sieben Jahre nach ihrem Abschied aus dem Drogenmilieu hat sie sich eine Existenz als Lektorin und ein Gerüst aus Alltagsritualen aufgebaut, das ihrem Leben Stabilität verleihen soll. Doch die in Wirklichkeit fragile Konstruktion bricht in sich zusammen, als Nicolá´s aus der Haft entlassen wird und ihr am Telefon Rache ankündigt.</P><P>Zarza begibt sich auf eine atemlose Flucht. Es treibt sie innerhalb von 24 Stunden zurück zu den Stationen ihres an Tiefpunkten reichen Lebens - und immer wieder zu ihrem geistig behinderten Bruder Miguel. Denn paradoxerweise ist er es, der dem Chaos des Lebens eine innere Ordnung zu verleihen versteht.</P><P>Rosa Montero, die sich mit ihren lebensklugen und pointierten Kolumnen in der Zeitung "El Paí´s", aber auch mit zahlreichen Romanen, Essays und Erzählungen in Spanien eine treue Fangemeinde erobert hat, erzählt diese Geschichte mit der glücklichen Kombination aus Präzision und Unangestrengtheit.</P><P>Inmitten einer grausamen Welt findet sie bisweilen lyrische Momente voller Magie. Dann wieder peitscht sie die Handlung in bester Thriller-Qualität voran. Und ganz entspannt flicht sie mittelalterliche Epen und tiefenpsychologische Gleichnisse in den Text ein, ohne ihre Geschichte je zu überfrachten. Bis zum überraschenden Schluss, der ohne gekünsteltes Happy End Optimismus zulässt, mag man das Buch kaum aus der Hand legen.</P><P>ANDREAS STEPPAN</P><P>Rosa Montero: "Im Herzen des Tartaros". Aus dem Spanischen von Astrid Roth. dtv, München. 273 Seiten, 15 Euro.</P>

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