Die Stadt bestimmt das Haus

- "Ich vertrete keine festgesetzte architektonische Position. Ich suche nach Prinzipien, die so klar sind, dass man sie nicht einhalten muss." So charakterisierte er sich selbst: Otto Steidle, Münchner Architekt, einer der wichtigsten Wegbereiter des modernen Wohnungsbaus in Deutschland. Am Samstag ist Steidle auf seinem niederbayerischen Bauernhof im Alter von 60 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben.

<P>Die Landeshauptstadt prägte er durch eine ganze Reihe wichtiger Bauten. Steidle entwarf unter anderem das gelbe Wohnhaus an der Leopoldstraße und das Wacker-Gelände an der Prinzregentenstraße, übernahm auch die Gesamtplanung für die Alte Messe, dessen Wohngebäude mit den Balkonen, die wie unregelmäßige Schubladen aus der Wand ragen, zu seinen charakteristischsten Werken gehört. Der Architekturpreisträger der Stadt München schuf auch die mit Holzelementen gestaltete Universität auf dem Ulmer Eselsberg, genoss darüber hinaus internationalen Ruf. So baute Steidle etwa in Peking rund 1000 Wohnungen und beteiligte sich mit seinem Büro Steidle + Partner am Olympischen Dorf für die Winterspiele 2006 in Turin.</P><P>"Nicht das Haus bestimmt die Stadt, sondern die Stadt bestimmt das Haus." Dies war einer der Kernsätze des gebürtigen Münchners. Steidle ließ sich in einem Architekturbüro seiner Heimatstadt ausbilden, studierte an der hiesigen Staatsbauschule und unterhielt seit 1966 mit wechselnden Partnern ein eigenes Unternehmen. 1979 wurde er Professor an der Universität Kassel, zwei Jahre später unterrichtete er in Berlin, wo er auch ein zusätzliches Büro eröffnete. 1990 folgte er einem Ruf an die Münchner Kunstakademie. Und vor vier Jahren nahm er an der siebten Architekturbiennale in Venedig teil.</P><P>Seinen Studenten empfahl Steidle stets, sie sollten "Grundrisse nicht erfinden, sondern finden". Entscheidend war für ihn daher nicht die eitle Selbstverwirklichung des Baumeisters, sondern eine Planung als logische, kreative Reaktion auf ihr Umfeld. Überdies sperrte er sich gegen die Entwicklung zur sterilen Fassadengestaltung: "So kehrt sich das Image der Hochhäuser um in ein herausragendes, vitales Zeichen im Gefüge der Stadt."</P><P>Erst vor kurzem widmete ihm das Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne zum 60. Geburtstag die kleine, intime Ausstellung "Land Stadt Haus". Nun soll diese Schau als Hommage verlängert werden. Otto Steidle wird an diesem Freitag auf dem Münchner Nordfriedhof beerdigt.</P>

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