Pinakothek der Moderne

Die Stadt als eierlegende Wollmilchsau

"Die Renaissance der Städte" bezeichnet den aktuellen Trend: zurück in die Stadt. Es ist nicht mehr chic und ökologisch angesagt, aufs Land zu ziehen.

Wie die Lebensrealität der Städter im Vergleich zu urbanen Ideen und Ideologien aussieht, schildert jetzt die überaus sehenswerte und gut aufbereitete Ausstellung "Multiple City - Stadtkonzepte 1908-2008" in Münchens Pinakothek der Moderne (Kuratorin: Susanne Schaubeck).

Seit 100 Jahren gibt es in München den Lehrstuhl für Städtebau der Technischen Universität. Der große München-Planer des 19. Jahrhunderts, Theodor Fischer, war sozusagen der Gründungsvater.

Anlass für seine aktuelle Nachfolgerin, Sophie Wolfrum, seit zwei Jahren das "Stadtkonzepte"-Projekt zu verfolgen, das nun in eine 16-teilige, flotte Präsentation des TU-Architekturmuseums umgesetzt wurde. Zu jeder Station gibt es eine Doppel-Sicht genauso wie einen Doppel-Titel von "Gartenstadt/Stadtlandschaft" über "Regeneration der Stadt/Stadtumbau" und "Sozialer Wohnungsbau/Lifestyle Urbanismus" bis hin zum "Mythos Großstadt/Mythos Megacity".

Die beiden Perspektiven sind auf einander zugewandten Stellwänden platziert. So braucht man sich nur umzudrehen, um zum Thema mal die theoretische Vision in Plänen, Modellen oder Skizzen, mal auf Fotos die Wirklichkeit dieser Konzepte und ihren heutigen "Zustand" zu erkennen. Damit verschränken sich sinnfällig Vergangenheit und Gegenwart. Man schaut die eigne Stadt plötzlich mit ganz anderen Augen an.

Beim Kapitel "Funktionale Stadt/Patchwork City" sticht als Erstes ein nicht sehr schmeichelhaftes München-Foto ins Auge. Die Eigenschaften Funktionalität und Zusammengewürfeltsein - Stichwort: eierlegende Wollmilchsau - werden dadurch gleichzeitig schlagend illustriert (Kompliment an Markus Lanz).

Die Stadt soll Freizeit, Mobilität, Wohnen, Arbeit und etwas Auslauf sauber getrennt bieten. So der Traum der Architekten seit den 30er-Jahren. Entwürfe und sogar Werbe-Comics aus der Nachkriegszeit (Wiederaufbau Mainz) erzählen von Hoffnungen auf eine "aufgeräumte" Stadt. Wie "unaufgeräumt" das dann de facto sein kann, schildert schrill das München-Bild: Blick auf die Nürnberger Autobahn, im Hintergrund Fußball-Arena und Windrad, vorne hinter die Schallschutzmauer gedrängt Wohnhaus, Wiese samt eingezäuntem Bolz- und ebenso eingezäuntem Spielplatz mit obligatem Klettergerüst. Hier ist also schon im Kleinen die "Multiple City", die vielgestaltige Stadt, abgebildet.

Kein Wunder, dass das Zusammenprallen vieler unterschiedlicher Eigenschaften die urbanen Strukturen des gesamten Globus prägen, denn 50 Prozent der Weltbevölkerung leben schon in Ballungszentren: Und die werden zum Beispiel aus einem Guss aus dem Boden gestampft - einst Brasilia, heute in China und den Emiraten -, oder sie wachsen fast organisch und unwillkürlich wie Rios Favelas oder Gecekondus in der Türkei.

Ein anderes merkwürdiges Wachstum entspringt dem Tourismus. Meeresküsten werden überwuchert von schein-individuellen Kuschel-Häuschen, mal dörflich, mal villenartig. Das neueste Feld der wissenschaftlichen Städtebau-Analytiker.

Bis 1. März 2009

Tel. 089/ 23 80 53 60; Katalog, Jovis: 42 Euro.

Simone Dattenberger

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