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Blick in den neu gestalteten Oberanger mit dem Linde-Haus.

Münchens neue Angerviertel

Wo die Stadt zu spüren ist

Kaum ein anderer Ort in Münchens Innenstadt hat sich zuletzt so sehr gewandelt wie der Oberanger und das Angerviertel. Ein Spaziergang.

Der Münchner Oberanger war von der Nachkriegszeit bis jetzt eine Art Stadtbrache – ausgerechnet in dem weiträumigeren Teil, der sich eigentlich zum schöneren, menschenfreundlicheren hätte auswachsen müssen. Aber gerade da herrschte urbane Ödnis, während das Stück zwischen Rosental und St.-Jakobs-Platz noch vom Rindermarkt-Getümmel profitieren konnte. Seit Mitte, Ende 2008 hat sich diese Struktur aber deutlich zum Positiven gewandelt.

Wer nach der (Fast-)Fertigstellung des Linde-Hauses und der kleinen Grünanlage am Oberanger entlangschlendert, spürt das. Räume, ob Stadt, Landschaft oder Zimmer, werden nur angenommen, wenn das Wohlgefühl stimmt. Selbst wer nicht benennen kann, was da in ihm vorgeht, weiß doch: Da will ich mich aufhalten.

Den echten Härtetest muss der Oberanger im kommenden Sommer bestehen, denn dann kann man dort Freiluft-Genüssen frönen, die in der engen Sendlinger Straße unmöglich sind. Deswegen haben sich am Oberanger schon vorsorglich Cafés und Bistros angesiedelt, echte Indikatoren für gemütliches Stadtleben. Dass die Durchblutung des Oberangers überhaupt erst in Gang gekommen ist, verdankt er der Synagoge am St.-Jakobs-Platz: Nachdem dieser Standort für sie ausgewählt worden war, hatte der trostlose Nicht-Platz endlich die Chance auf echte Vitalität. Das ist mit dem Komplex Synagoge, Gemeindezentrum und Jüdischem Museum samt sympathischer Platzgestaltung wunderbar gelungen. So wie das Gemeindezentrum neben dem Ignaz-Günther-Haus an den Oberanger stößt, so hat dieser „neue“ St.-Jakobs-Platz die Vitalzonen des Oberangers belebt.

Mit seiner Freifläche scheint er der idealtypische Anger zu sein. In früheren Zeiten war das der unbebaute Platz der Gemeinde, der gemeinschaftlich genutzt wurde. Im alten München innerhalb des zweiten Stadtrings zwischen Sendlinger, Neuhauser Tor, Residenz und Isartor war das allerdings nicht der heutige Oberanger. Der Anger war der jetzige St.-Jakobs-Platz. Dort stand das Zeughaus mit den städtischen Waffen und darüber der Kornspeicher (15. Jahrhundert). Daneben der Fuhrpark – nicht mit Autos und Tankstelle, sondern, damals Marstall genannt, mit Wägen, Pferdeställen und „Kasten zum Heu“. Daneben war auf dem Anger die große Heuwaage. Die Funktionen des Angers waren für die Kommune lebenswichtig. Deswegen wurde dieser Stadtteil Anger-Viertel genannt. München war im Übrigen tatsächlich in vier Viertel unterteilt (noch: Kreuz-, Graggenauer- und Hacken-Viertel).

Zu diesem wichtigen Platz führte eine kleinere Lebensader, die Untere Anger Gasse, und eine große, die fast parallel zur Sendlinger Straße verlief: die Obere Anger Gasse. Sie führte vom kleinen Heyturm – zwischen Sendlinger Tor und Angertor – bis zum Anger. Der Stadtbach folgte der Gasse bis zu ihrem Ende und wand sich dann über die Pferdeschwemme (etwa am Viktualienmarkt) und die Pfistermühle bis zur Residenz/Neuveste. Auf die Obere Anger Gasse führte im spitzen Winkel der Gänsebühel (Bühel heißt: Hügelchen) mit seinen kleinen Häuschen. Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es diese, wie die Modelle in der Schau „Typisch München!“ im Stadtmuseum zeigen. Das wiederum ist zum Teil im oben erwähnten Zeughaus und „Getreid Kasten“ untergebracht.

Wer am heutigen Oberanger spazieren geht, hat nicht die touristische Schokoladenseite Münchens vor sich. Er kann vielmehr der Stadt als Organismus nachspüren, der flexibel reagieren und Wunden bewahren oder schließen kann. Was ihre Bewohner brauchen, wandelt sich, auch die Form, wie sie ihre Wünsche umsetzen. Beispiel: 2009 wäre ein Stadtbach hübsche Dekoration, einst war er Energielieferant, Waschmaschine und Abfall-Entsorger. Anderes bleibt über die Jahrhunderte völlig gleich: dass urbane Räume richtig funktionieren müssen, sonst werden sie zu abgestorbenen Ästen.

Am neu belebten Oberanger kann der Flaneur deswegen sehr gut beobachten, wie sich die Fasern der Stadtgeschichte endlich zu einem festen Stoff verfilzen: von der frühen Neuzeit (Zeughaus) über das Rokoko eines Ignaz Günther im Wohnhaus mit der „Himmelsleiter“ (gerade hinaufführendes Treppenhaus) und den üppigen Historismus des Orag-Hauses bis zur Gegenwart des Linde-Gebäudes mit den offenbar unerlässlichen Luxuswohnungen in den obersten Etagen.

Spannend ist vor allem auch das mittlerweile entstandene Nebeneinander der Nachkriegsstile. Sehr unscheinbare 50er-/60er-Jahre-Bauten, die es natürlich nicht mit der eleganten neoklassizistischen Schule bei der Ecke Oberanger/„An der Hauptfeuerwache“ aufnehmen können. Dann die 70er-Jahre des Kommunalreferat-Baus aus Betonskelett und Ziegelverblendung sowie seinem leider versifften Durchgang mit seinen zwei schönen Bronzepferden. Zu denen gesellen sich schon mal eine tote Maus und ein geparkter Kollege von heute, ein Motorrad. Claus Nagelers stramme Tiere mit zierlich hochgebundenen Schweifen erinnern wie die Platzbezeichnung an den ehemaligen Rossmarkt. Überhaupt „atmet“ der Oberanger mit seinen Ausbuchtungen, Verengungen und Schwingungen wunderbar.

Und nun im 21. Jahrhundert ist wieder ein wenig Historismus zu spüren. Etwa beim Palais Jakobsplatz, das offenbar an der Jakobsplatz-Euphorie partizipieren möchte, aber doch am Oberanger 36 liegt. Optisch wanzt es sich – sympathisch unverfroren – mit seinen schlanken, umbrafarbenen Längs-Lisenen an die Maximilianstraße mit ihren Bürklein-Gebäuden (Neogotik) heran. Auch eine Art Geschichtsbewusstsein, das den Stadt-Schlenderer schmunzeln lässt.

Simone Dattenberger

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