Der Stadt-Indianer

- "Zuschauen muss man allerdings können . . . Es ist eigentlich ein Brotzeitmachen mit den Augen . . ." Tatsächlich war Sigi Sommer in beidem ein Meister. Deswegen steht in der Ausstellung "Wie rasend verfliegen die Jahr - Sigi Sommer, Chronist, Journalist, Spaziergänger" in der Münchner Monacensia neben all den Wort gewordenen Beobachtungen, neben Manuskripten, Büchern, Briefen, Artikeln auch ein Biergartentisch; denn eine "Knöcherlsulz-Basilika", ein "Leberkäs-Bergwerk" hat der Sommer Siegfried, der am 25. Januar 1996 starb, nie verachtet. Seine Stammtischspezln waren ihm wichtig - über Jahrzehnte.

<P>Zum 90. Geburtstag, der am 23. August zu feiern ist, haben Werner Meyer, ehemals "AZ"-Chefreporter, und die Monacensia dem legendären Stadt-Indianer eine Schau eingerichtet. Folgerichtig sticht (nach der Büste des Jubilars) zunächst der prächtige Kopfschmuck von "Häuptling Abendwind" ins Besucher-Auge. Der Papa war nicht nur Möbel-Restaurator, sondern auch Mitbegründer des Münchner Cowboy-Clubs. Und daher sieht man aufs Foto gebannt, dass "Winnetous Erben" 1927 den Flaucher erobert hatten. Darunter ein Bürscherl, das sich zu einem feschen Kerl auswuchs: 18 Jahre, ausgelernter Elektroinstallateur, arbeitslos.</P><P>"Es ist eigentlich ein Brotzeitmachen mit den Augen . . ."<BR>Sigi Sommer</P><P>Von klein auf hatte Sigi Sommer Armut und die Bitterkeit von Verlusten ertragen müssen. Weil es ab 1914 in der Stadt kaum etwas zu beißen gab, wuchs er bei der "Mamm", bei einer Pflegemutter in Steinkirchen auf. "Meine schöne Mama", die leibliche Mutter, starb, und es kam "die gute Mama", die Stiefmutter. So sehr Sigi Sommer als "Abendzeitungs"-Kolumnist ("Blasius, der Spaziergänger") hofiert wurde vom Glamour-Publikum, so tief war er denen verbunden, die vom Leben nichts geschenkt bekamen. Kein Wunder, dass Bertolt Brecht Sommers ersten Roman, "Und keiner weint mir nach" (1953) für den besten Nachkriegsroman hielt. Schon 1947 hatte sich Karl Valentin bei ihm bedankt - der Brief ist ausgestellt - für eine kleine Not-Weihnachtsgeschichte und bekennt, er habe beim Lesen geweint.</P><P>Ob nun als Sportreporter, als "Chronist der Zeit" oder freier Autor (u. a. auch "Meine 99 Bräute"), für Sigi Sommer zählte das winzigste Detail, die feinste Nuance. Und die wollte er so sprach-plastisch wie irgend möglich, ja oft ein wenig sprach-g'spinnert vor Augen führen. Er hegte alte baierische Wörter wie "Dradiwixpfeifferl" (Fingernudeln aus Kartoffel- oder Roggenteig), aber vor allem modellierte er liebevoll kleine und große Münchner in Sätzen wie: "Auf dem Gitterrost vor der Haustüre stand Marile Kosemund und weinte von links nach rechts." </P>Bis 14. Januar 2005, Tel. 089/ 41 94 72 15, Eintritt frei; Begleitbüchlein, Allitera Verlag: 16 Euro.

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