Im Glasmalfieber

Penzberg - Das Stadtmuseum Penzberg zeigt „…ein seltsam funkelndes Leben“, die Hinterglasbilder Heinrich Campendonks.

Als das Fieber im Murnauer Russenhaus um sich greift, herbstelt es schon schwer im Blauen Land. Das Jahr 1911 neigt sich dem Ende zu. Abend für Abend sitzen Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Franz Marc und Heinrich Campendonk in der dämmrigen Stube und malen – hinter Glas. „Das Glasmalfieber ist ausgebrochen“, wird Franz Marc später sagen. Was für eine bunte, was für eine wunderbare Krankheit, sagen wir heute.

Wie sehr dieses Glasmalfieber den jüngsten der „Blauen Reiter“, Heinrich Campendonk (1889-1957), erfasst hat, zeigt von morgen an das Stadtmuseum Penzberg. Unter dem Titel „…ein seltsam funkelndes Leben“ sind unter anderen mehrere Hinterglasbilder des Expressionisten, der zeitweise in Sindelsdorf und Seeshaupt lebte, ausgestellt – einige aus privaten Sammlungen, einige aus eigenem Bestand. Und drei besondere Schätze aus Nordrhein-Westfalen, die selbstverständlich mit eigenem Geleitschutz nach Penzberg reisten. Bettina Dorn, Kuratorin des Clemens-Sels-Museums in Neuss, begleitete die drei Bilder, gut verpackt in speziellen Klimakisten mit Anti-Bruch-System, auf ihrem Weg nach Oberbayern, schließlich handelt es sich hier um Glas.

Doch Moment einmal. Hinterglasmalerei, sind das nicht Heiligenbildchen, wie sie in Bauernstuben hängen? Tatsächlich sind die Blaue-Reiter-Künstler über diese Ecke zur Hinterglasmalerei gekommen. Gabriele Münter ermunterte dazu, angeregt von der Sammlung des Murnauer Braumeisters Johann Krötz und erlernt beim Hinterglasmaler Heinrich Rambold (1872-1953), der ebenfalls in dem oberbayerischen Ort wirkte. Fasziniert von den leuchtenden Farben und klaren Konturen steckte Münter bald die anderen Blauen Reiter an – bis sie alle an dem schon erwähnten Fieber litten.

Heinrich Campendonk traf es am härtesten, wie in der Ausstellung zu sehen ist. Wohl weil er – verschlossen und depressiv wie er war – sich selbst am liebsten hinter Glas verborgen hätte, wie Penzbergs Museumsleiterin Gisela Geiger vermutet. Schau- und Malseite sind bei der Hinterglastechnik getrennt – ein Umstand, von dem Campendonk gebannt war. „Die Bilder sind verschlossen hinter Glas, dreht man sie um, sind sie nicht mehr da“, sagt Geiger. Vielleicht ist auch das der Grund, warum Campendonk bei seiner ersten Einzelausstellung 1923 in Krefeld ausschließlich jene Malereien zeigte. Andere sah er nicht gern in der Öffentlichkeit. Für seine neue Lieblingstechnik entwickelte Campendonk eine ihm ganz eigene und sich im Laufe der Zeit verändernde Handschrift. In dem aus Neuss geliehenen und 1917 entstandenen Selbstporträt verschwimmen das leuchtende Rot, Lila und Gelb der Jacke fast wie bei der Seidenmalerei – ein Effekt, den Campendonk durch langes Experimentieren mit Öl- und Wasserfarben erreichte und der zeigt, dass er sich der Technik mutig näherte, ausprobierte. Es ist auch eines der ersten Werke, die Campendonk mit aufkeimender Selbstsicherheit signiert. „Zu dieser Zeit fragte er sich: Wie geht es für mich als Künstler weiter?“, sagt Geiger.

Das Aufeinanderlegen von Ebenen – bei der Hinterglasmalerei sind die Bilder im Gegensatz zur Ölmalerei zuerst vom Vordergrund her aufgebaut – trieb Campendonk um 1923, als das „Mädchen mit Blume“ entstand, zur Perfektion. Er trug Farbschicht um Farbschicht auf das Glas auf, kratzte wieder ab und erzeugte so eine Tiefe, ein „seltsam funkelndes Leben“, wie es der Kunsthistoriker Klaus Lankheit bezeichnet hat. Licht, das auf das Bild fällt, wird von darunter liegenden Schichten reflektiert und – bringt diese zum Funkeln.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog sich Campendonk immer mehr in seine eigene Welt zurück, das zeigen auch seine Hinterglasmalereien. Freilich tauchen die „freundlich zugewandten Kühe“, wie Geiger sie nennt, immer noch auf, die Konturen werden aber immer grafischer, comichafter. Und jetzt steht da ein mit einer grün und blau schimmernden Rüstung bepanzerter Schnitter, der die Sense gefährlich nah über den Füßen hält. Konsequenterweise schließen diese Werke den Campendonk-Teil der Penzberger Ausstellung in einem bedrohlich engen Raum ab, bedroht von und verschlossen zu der Außenwelt agierte zu dieser Zeit seines Schaffens auch der Maler. Campendonks Hinterglaswerken gegenüber- oder in den höheren Stockwerken übereinandergestellt hat Gisela Geiger in der gleichen Technik geschaffene Werke von Heinrich Rambold und dessen Penzberger Schüler Otto Steininger (1929-2009). Das zeigt, woher Hinterglasmalerei kommt und wohin sie gehen kann. Eben jener Rambold, der Münter, Campendonk und Co. zur Hinterglasmalerei brachte („Ohne mi warn die olle nix worn“, schrieb Rambold einmal), verkaufte seine volkstümlichen Bilder von einer Kraxe aus. Neu, gar expressionistisch waren seine Motive freilich nicht, doch: ohne Rambold kein Glasmalfieber.

Veronika Stangl

Von 27. 9. bis 10. 11.;

Stadtmuseum Penzberg,

Karlstraße 61;

Telefon 08856/ 81 34 81.

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