Stammeskrieg und Fußball

- Es war einmal Sophiatown. Ein Vorort von Johannesburg. Ein Ort in Südafrika, wo es nicht auf die Hautfarbe ankam, sondern auf die Kreativität, die Musik, den Jazz, den Steptanz, den Taumel, das Exzentrische. Auf die gegenseitige Bereicherung zwischen Künstlern, Intellektuellen, Arbeitern, Priestern und Prostituierten.

<P>Das war in den 30er- bis 50er-Jahren, ehe 1955 über Nacht die Planierraupen anrollten, die Enklave einstampften und damit die Perspektive eines friedlichen, ja konstruktiven Miteinanders der Rassen zerstörten.</P><P>Denn die Apartheidsgesetze, 1948 von der Buren-Regierung eingeführt, sollten gerade vor diesem Ort zivilen Ungehorsams nicht kapitulieren müssen. Die Weißen, die sich anschließend auf dem im Erdboden versunkenen Sophiatown breit machten, nannten ihr Zerstörungswerk "Triomf" und krönten es mit ihren Reihenhäuschen. Seitdem hat Utopia einen Namen in Südafrika: Sophiatown. Nicht zufällig ist diesem Ort in Richard Lorings Musical "African Footprint" eine zentrale Szene gewidmet: Eine Jazz-Combo spielt auf. Männer in weißen Hemden und Hosenträgern tanzen Step und Jive, es kreiseln verbeulte Blechdosen, es flirten die Nachtschwärmer, es swingt die Lebenslust. Es klagt aber auch eine schwarze Frau vom Dorf, dass sich ihr Mann, ein Minenarbeiter, während seiner langen Abwesenheit in der Stadt mit einer anderen einlässt. Und da sind sie schon, die sozialen Probleme. Die Folgen der ungleichen Verteilung der Güter im Land, wo einst Heerscharen von Schwarzen malochten für ein paar weiße Besitzer von Gold- und Diamantenminen, wo Familien auseinander gerissen wurden, um überleben zu können. Wo die schwarze Mehrheit gerade einmal seit 1994 zur Wahl berechtigt ist. Sehr dezent klingt das alles in "African Footprint" an.</P><P>Es handelt sich schließlich um eine Show, die unterhalten soll. Ab 19. Februar gastiert sie in München im Deutschen Theater. Politik, Aufarbeitung der Geschichte, das alles hatte Produzent Richard Loring nicht im Sinn, als er Ende der 90er-Jahre "African Footprint" auf die Beine stellte. "Optimismus verbreiten" war sein erklärtes Ziel. "Dem Land die Chancen zurückgeben, die es mir gegeben hat." Loring ist ein Weißer.</P><P>Die Idee zu "African Footprint" hatte der Brite bei einem ähnlich gearteten australischen Musical. Dass er damit den südafrikanischen Zeitgeist traf, beweist der große Erfolg der Show, die allein in Johannesburg viereinhalb Jahre lang ohne Unterbrechung zu sehen war. Das Ensemble entspricht in seiner Zusammensetzung etwa der südafrikanischen Gesellschaft: 27 von 30 Darstellern sind schwarz.</P><P>Revue schwarzer Rhythmen "Viele von ihnen kommen aus schwierigen Verhältnissen", sagt David Matamela, der charismatische Choreograph, "sie mussten sich das Meiste erst antrainieren". Er selbst hat in einer Werkstatt in Soweto als Arbeiter angefangen, sich immer mehr für Tanz interessiert und irgendwann Debbie Rakusin getroffen, bei der er tanzen lernte. Mit ihr zusammen hat er auch diese Choreographie entworfen. Dem "Gumboots" ("Gummistiefel") beispielsweise, den die Minenarbeiter in den 20er-Jahren kreiert haben: Zur Begrüßung oder um sich Mitteilungen zu machen, klopften sie in bestimmten Rhythmen mit den Händen auf die Gummistiefel, die sie in den Minen trugen. Traditionelle Bewegungen, die zu den Zeremonien der Großeltern gehörten, das Beugen von Knien und Oberkörper bei der Ahnenverehrung etwa, flossen ebenfalls ein.</P><P>Entstanden ist daraus eine Revue, die in vorgeschichtlicher Zeit beginnt und über Stammeskriege, Sklaverei, Apartheid und die demokratischen Anfänge bis hin zur großen Vorfreude auf die Fußballweltmeisterschaft 2010 reicht. Dem hiesigen Zuschauer bietet diese Show vor allem die Gelegenheit, eine Ahnung von einem Land zu bekommen, das sich mitten im Aufbruch befindet.</P>Ab 19. Februar. Karten: Tel. 089/ 55 23 40.

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