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Nikolaus Harnoncourt: „Meine körperlichen Kräfte gebieten eine Absage meiner weiteren Pläne.“

Karriere-Ende

Nikolaus Harnoncourt nimmt Abschied von der Bühne

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Zu seinem 86. Geburtstag zieht sich der wichtigste Dirigent unserer Zeit ins Privatleben zurück - eine Würdigung

Wie hätte er das zusammenbringen können? Johann Sebastian Bachs „Unser Mund sei voll Lachens“, die ausgelassene Weihnachtskantate, und „Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl“, die Kantate zum Tod von Christine, der Gattin Augusts des Starken? Er hätte gewiss mannigfaltige Verbindungen gefunden in seiner traditionellen kurzen Einführungsrede, hätte womöglich gesprochen davon, wie eng Geburt und Tod nicht (nur aus religiöser Sicht) miteinander gedacht werden müssen. Und dann hätte Nikolaus Harnoncourt unter Garantie noch einige Pointen platziert und ein paar Lacher seiner verschworenen Fangemeinde eingeheimst, um sich schließlich auf der Bühne des Wiener Musikvereinssaals dem Concentus Musicus und dem Arnold-Schönberg-Chor zuzuwenden.

Doch die Besucher des ausverkauften Konzerts erlebten als Dirigenten einen anderen, Erwin Ortner, den Chef des Schönberg-Chores. Und sie wurden mit Bestürzendem konfrontiert. Jeder bekam das Faksimile eines Briefs, handschriftlich von Harnoncourt verfasst, sein in ein paar Zeilen formulierter Abschied von der Bühne. „Meine körperlichen Kräfte gebieten eine Absage meiner weiteren Pläne“, heißt es da. „Da kommen große Gedanken hoch: Zwischen uns am Podium und Ihnen im Saal hat sich eine ungewöhnlich tiefe Beziehung aufgebaut – wir sind eine glückliche Entdeckergemeinschaft geworden! Da wird wohl vieles bleiben. Der diesjährige Zyklus wird noch in meinem Sinne geführt, bleiben Sie ihm treu!“

Am Tag vor seinem 86. Geburtstag hat Nikolaus Harnoncourt den Schritt getan, der schon lange befürchtet worden war. Einige ganz wenige Male hat es das ja schon gegeben, dass er sich Absagen gestattete. Doch zum Auftakt der Styriarte im vergangenen Sommer, bei seinem eigenen Grazer Festival, dies war neu. Umso bewegender ein paar Tage später Ludwig van Beethovens „Missa Solemnis“ im dortigen Stefaniensaal, mit der Harnoncourt auf seine Art von den letzten Dingen „redete“. Altersweise, selbstverständlich, mit einer vollkommen natürlichen, undogmatischen Reflexion tief erfühlter Inhalte, dabei aber noch immer von diesem Temperament erfüllt, das gerade jüngere Chor- und Orchestermitglieder alt aussehen ließ. Auch wenn sich Harnoncourt mit Krücken auf die Bühne quälte, den angebotenen Hocker verschmähte er bis auf die kurzen Pausen zwischen den Sätzen. Beethovens Messe wiederholte Harnoncourt am 22. Juli bei den Salzburger Festspielen, sein, wie wir nun wissen, letzter Auftritt als Dirigent. Und dies mit Beethovens Opus Summum – was für ein Abschied.

Die beispiellose Karriere eines Mannes, der die Interpretationswelt revolutionierte, fand darin ihren würdigen Schlusspunkt. Von der Mitgliedschaft bei den Wiener Symphonikern (ab 1952) über die Gründung des Concentus Musicus (1953), den ersten öffentlichen Auftritt dieses Ensembles ein Jahr später, das fast zufällige Debüt als Dirigent mit Monteverdis „Ulisse“ an der Mailänder Scala (1972) und die zwanzigjährige legendäre Tätigkeit als Professor am Salzburger Mozarteum bis hin zu schier zahllosen Gastspielen bei den großen Orchestern dieser Welt.

Alle wollten sie von Harnoncourt profitieren, dem nie einleuchtete, warum die alten Barockmeister der Bildenden Kunst lebenspralle bis drastische Darstellungen liebten – und die Musik aus der Zeit nur als harmloses Nähmaschinengeratter gespielt werden sollte. Dass Interpretation nicht nur Plaisir oder Imponiergehabe bedeutet, sondern Diskurs und Auseinandersetzung, eben seine vielbeschworene „Klangrede“, das hat die Welt Harnoncourt zu verdanken.

Mehr Zeilen zu ihm und seiner Kunst, die er immer „nur“ als Vermittlung begriff, verbieten sich. „Ich bin doch noch nicht tot“, würde er sonst raunzen, auf seine eigene, staubtrocken humorige Art, die immer so wirkt, als habe sich eine Gestalt aus Thomas Bernhards Tragikomödien im wirklichen Leben manifestiert. Der größte Dirigent unserer Zeit wird sich nun zurückziehen, in sein uraltes Pfarrhaus unweit des Attersees mit dem wilden Garten, der Schreinerwerkstatt (in dem er verblüffend filigrane Möbel zu fertigen pflegt) und dem kargen Raum im Erdgeschoss, wo er – meist im Schaukelstuhl sitzend – seine Besucher empfängt. „Ich reise sehr ungern“, hat Harnoncourt dabei einmal im Interview mit unserer Zeitung gesagt. „Ich würde am liebsten nur hier sein und mich in dem Umkreis bewegen, den ich gehend erreichen kann.“ Dieses Ziel hat er nun, nach so vielen Karrierejahren, erreicht. Die „Entdeckergemeinschaft“, wie er sie in seinem Abschiedsbrief nannte, bleibt allein zurück, dies freilich mit vielen Plattenaufnahmen, mit prägenden Erlebnissen aus Konzerten und Opern. Und gerade deshalb hat Harnoncourt ja Recht. Sie ist glücklich.

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