Star ohne Grenzen

- Von wegen Altstar. Als er im Oktober die Berliner Philharmonie zum Kochen brachte, da bewies Plácido Domingo, das mit ihm noch uneingeschränkt zu rechnen ist. Vorausgesetzt, er nimmt sich die richtige Rolle vor. Aber sein "Walküren"-Siegmund, den er unter Simon Rattle mit Edelbronze im Ton und charmanter Emphase im Ausdruck sang, muss wenig Konkurrenz fürchten (wenn man das gewohnt lässige Deutsch mal ausblendet). Auch der Tristan, den Domingo in einer 14-tägigen Aufnahmesitzung erarbeitete und 2005 herausbrachte, beschert vier CD-Sternstunden. Eine Partie, die er zwar nicht mehr auf der Bühne singen wird, die er aber schon seit Jahrzehnten anpeilt. Es war für den Tenorissimo wohl die Karriere-Krönung.

Am morgigen Samstag feiert der Star ohne Fachgrenzen seinen 65. Geburtstag. Über 120 Opernrollen zwischen Barock, Mozart, Puccini, Operette, Zarzuela, Verdi und Wagner hat Domingo auf dem Konto und damit sein Vorbild Enrico Caruso (40 Partien) mühelos überflügelt. Anders als Kollege Luciano Pavarotti war Domingo nie ein Vertreter des spektakelnden Singens. Wo andere mit Tönen weit jenseits des Notensystems blenden ("Ich bin gar kein ,C’-Sänger", meinte er selbstkritisch), nimmt Domingo gefangen durch die Eleganz und Virilität des Vortrags. Die großen, von Leben und Liebe gezeichneten Helden kauft man ihm sofort ab - sogar noch im Alter, als ihn etwa Jürgen Flimm 2000 in seiner Bayreuther "Walküre" als reifen, resiginierten Desperado vorführte.

Erstmals auf der Bühne stand Plá´cido Domingo 1961 in Mexico City, damals als Alfredo in Verdis "La traviata". Als Sohn zweier spanischer Zarzuela-Künstler, die nach Mexico ausgewandert waren, schien die Entscheidung für die Sängerkarriere fast zwangsläufig. Eine seiner wichtigsten Partien wurde Verdis Otello, den er auch für eine Verfilmung interpretierte. Die Bayerische Staatsoper holte Domingo 1979 für ihre "Aida"-Premiere als Radames (CD-Mitschnitt bei Orfeo) und 1981 für eine Neuproduktion von Puccinis "Manon Lescaut". Darüber hinaus war er an diesem Haus als Werther, Siegmund und zuletzt als Herrmann (Tschaikowskys "Pique Dame") zu erleben. Sein nächster - vermutlich nur 15-minütigier - Auftritt an der Isar ist dann am 6. Juni beim WM-Konzert "Die drei Orchester" im Olympiastadion.

Seit 1973 steht Domingo regelmäßig am Dirigentenpult, überdies wurde der Vielseitige vor einigen Jahren zum Intendanten der Oper in Los Angeles berufen. Auch wenn er seine Fans mit diversen Andeutungen verschreckte: Einen genauen Termin für sein Karriere-Ende hat Domingo bislang nicht genannt. "Es ist wichtig, zu einem Zeitpunkt aufzuhören, wenn das Publikum einen Sänger noch hören will", sagte er einmal. "Vielleicht trete ich irgendwann nach einer Aufführung nur vor den Vorhang und sage: So, das war's, ich höre auf."

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