Der Star und seine Erfahrung

- Am Anfang sei sie selbst "aufgeregt wie eine Schülerin" gewesen. Die solches anlässlich ihres ersten Meisterkurses bei der heurigen Münchner Singschul' freimütig einräumt, ist immerhin eine der größten Sopranistinnen unserer Zeit: Über dreißig Jahre schon steht Kammersängerin Anna Tomowa-Sintow auf allen großen Opernbühnen der Welt - eine künstlerische Sternstunde hat sie seither im Rahmen ihres immensen Repertoires an die nächste gereiht, von Donna Anna, der Gräfin und Fiordiligi bis zur Marschallin und Arabella, von den großen Heroinen Verdis und Puccinis bis zu Elsa und Elisabeth.

<P>"Ich bin ein Mensch, der<BR>das, was er tut, total tut,<BR>mit Herz und Seele."<BR>Anna Tomowa-Sintow</P><P>Zu unterrichten aber ist für die Sängerin tatsächlich eine Premiere. Wie kommt's? An Bitten, sie solle ihren reichen sängerischen Erfahrungsschatz an junge Künstler weitergeben, hat es nie gefehlt: Schon Herbert von Karajan drängte Tomowa-Sintow dazu. Doch die Sängerin hat seinerzeit andere Prioritäten gesetzt: "Ich war damals sehr aktiv auf der Bühne und reiste dementsprechend viel herum. Ich bin ein Mensch, der das, was er gerade tut, total tut, mit Herz und Seele; und deshalb war mir klar, dass ich nicht gleichzeitig selbst singen und unterrichten könnte - eines von beiden hätte dabei Schaden genommen."</P><P>Auch heute hat sie sich von der Bühne keineswegs zurückgezogen, in den letzten Jahren zahlreiche weitere Rollen einstudiert, unter anderem Salome und die Amelia im "Maskenball", gibt Galakonzerte und Liederabende. Aber ein bisschen mehr Muße und Privatleben als früher gönnt sich die in Monte Carlo lebende Künstlerin doch - und so konnte sie es sich erlauben, der mittlerweile dritten Anfrage nachzukommen, bei der Singschul' zu lehren. Sieben junge Sängerinnen und einen Bariton hat Tomowa-Sintow in einer Bogenhausener Villa um sich versammelt - alles Künstler, die in ihrer Ausbildung weit fortgeschritten sind oder sie bereits abgeschlossen haben. Das Unterrichts-Setting variiert, mal nur Lehrerin und Schüler mit Pianist, mal in der Gruppe, heute vor Publikum, und so liegt mehr Spannung in der Luft als sonst.</P><P>Doch zu viel Aufregung lässt Tomowa-Sintow erst gar nicht aufkommen, setzt sich zu den Einsingübungen gleich selbst an den Flügel: "Es ist mir sehr wichtig, im Kurs eine familiäre Atmosphäre zu schaffen. Worauf es mir ankommt, ist, das Selbstvertrauen meiner Schüler zu stärken, ihnen dabei zu helfen, die eigene musikalische Persönlichkeit zu formen." Auf keinen Fall sollen ihre Schüler versuchen, genau so zu singen wie sie: "Natürlich achte ich auf sichere Technik und versuche, die innerlichen, die Gefühlsaspekte des Singens klar zu machen. Da geht es darum, die Schüler mit beiden Beinen auf die Erde zu stellen. Aber laufen, ihren ganz individuellen Weg gehen, müssen sie dann selbst." Das eine liegt ihr besonders am Herzen: Alle technische Perfektion nützt nichts, wenn man nicht mit Freude singt.</P><P>"Puccini muss man immer ein bisschen genießen", rät sie der jungen Koreanerin, die eine Arie aus "La rondine" vorbereitet hat. "Sei groß. Sei offen!" feuert sie den Sänger, der Wolframs Lied an den Abendstern vorträgt, an. Sie selbst ist mit offener Freude an der Arbeit, klatscht in die Hände, springt auf, sucht Körperkontakt mit ihren Schülern, beneidet ganz unprätentiös eine ihrer Sängerinnen um deren schlanke Figur. Und wenn sie mit einer russischen Sopranistin die Briefszene der Tatjana aus "Eugen Onegin" probiert, eine ihrer geliebtesten eigenen Rollen, und, sich selbst am Klavier begleitend, sich in Hingabe und Zweifel der Szene hineinsingt, dann ist sie mit einem Mal selbst dieses Mädchen.</P><P>"Einen Teil von sich jedem<BR>Schüler schenken."<BR>Anna Tomowa-Sintow</P><P>"Manchmal kann man etwas nicht erklären - man muss es einfach zeigen." Da sieht sie sich in der Pflicht weiterzugeben, was sie selbst erfahren hat, gemeinsam mit großen Dirigenten wie Böhm, Karajan oder Kleiber. Ihr Rat an junge Sänger: sich Zeit zu geben, sich vom internationalen Starbetrieb nicht verbrauchen zu lassen, immer das eigene Leben parallel zur musikalischen Persönlichkeit zu entwickeln. Die Marschallin im "Rosenkavalier" hat die Künstlerin selbst erst mit 36 gesungen - aus ihr bezieht sie Impulse für die eigene Lebensphilosophie: "Sie hat diese totale Offenheit. Sie gibt ihre geheimsten Empfindungen preis. Sie gibt sich selbst. Sie steht über den Dingen und bleibt trotzdem ein Mensch - mit allen seinen Tücken." Darum geht es ihr auch beim Unterrichten: Mensch zu sein und "einen Teil von sich an jeden Schüler zu schenken". Man glaubt es aufs Wort und wünscht sich, dass noch viele junge Sänger Gelegenheit haben werden, mit Anna Tomowa-Sintow zu arbeiten.</P><P>Abschlusskonzert: Sonntag, 11 Uhr, Prinzregententheater; Tel. 089/ 21 85 28 99.<BR></P>

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