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Sie haben da was: Anke Engelke, Moderatorin der Bären-Zeremonie, zupft Festival-Chef Dieter Kosslick zurecht.

Festival-Bilanz

Berlinale: Starke Frauen, schwache Filme

Berlin - Auf der Berlinale triumphiert das osteuropäische Kino – in einem erschreckend schwachen Wettbewerb.

Der wilde Osten räumt ab. Gleich vier Hauptpreise der 63. Berlinale gingen an Künstler aus Osteuropa. Zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals konnte dabei ein rumänischer Film den Goldenen Bären gewinnen: das Mutter-Sohn-Drama „Stellung des Kindes“. Darin geht es um einen nichtsnutzigen Neureichen, der im Geschwindigkeitsrausch auf der Landstraße ein Kind aus der Unterschicht totfährt – und um seine selbstsüchtige Mutterglucke, die vor keiner Schweinerei zurückschreckt, um ihren Sohn vor dem Knast zu bewahren.

Dass man diesen durch und durch korrupten Monstern fasziniert zuschaut, ist das Verdienst des 37-jährigen Co-Autors und Regisseurs Calin Peter Netzer. Er erzählt das unerfreuliche Geschehen in raffiniert konstruierten Szenen, mit brillanten Dialogen, in Breitwand-Bildern, stets nah an den Gesichtern der großartigen Darsteller.

Seit Cristian Mungiu vor knapp sechs Jahren mit „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ die Goldenen Palme gewann, haben junge rumänische Filmemacher auf internationalen Festivals immer wieder für Furore gesorgt. Doch Netzer konnte es nach der Berlinale-Preisverleihung gar nicht fassen, dass er die Bärenjagd gewonnen hatte: „Ich fühle mich jetzt noch unter Schock“, sagte er auf Deutsch im Gespräch mit unserer Zeitung – und verriet im nächsten Atemzug, dass er in Deutschland aufgewachsen ist: „Als Achtjähriger kam ich mit meinen Eltern nach Stuttgart. Dort habe ich auch mein Abitur gemacht. Danach bin ich nach Bukarest gegangen, um Filmregie zu studieren. Der Goldene Bär ist ein wichtiger Preis für mich – und für das rumänische Kino!“

Der zweite herausragende Film des Wettbewerbs wurde mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet: Der bosnische Oscar-Gewinner Danis Tanovic („No Man’s Land“) dokumentiert im packenden Drama „Eine Episode aus dem Leben eines Metallsammlers“ die Diskriminierung von Minderheiten in seiner Heimat – anhand der wahren Geschichte einer Roma-Familie, deren Mutter man im Krankenhaus eine lebensnotwendige Behandlung verweigert. Die Familie spielt im Film sich selbst; Nazif Mujic, der Vater, bekam für seine anrührende Darstellung einen Silbernen Bären. Ein vierter Preis rundete den Triumph des osteuropäischen Kinos ab: der Silberne Bär für die sensationelle Kameraarbeit in der Macht- und Gewalt-Studie „Lektionen in Harmonie“, dem beeindruckenden Debüt des kasachischen Regisseurs Emir Baigazin. Ein besonders emotionaler Moment der Zeremonie war die Vergabe des Drehbuch-Bären für den iranischen Beitrag „Geschlossener Vorhang“. Der vom Regime in Teheran verfolgte Autor und Regisseur Jafar Pahani hatte das Werk – eher eine Art Kassiber als ein ausgegorener Film – trotz des gegen ihn verhängten Berufsverbots heimlich in seinem Haus gedreht und außer Landes geschmuggelt. Als sein Kompagnon Kamboziya Partovi den Preis in Berlin entgegennahm, rief er trotzig: „Künstler haben sich noch nie aufhalten lassen!“

Den größten Jubel gab es bei der Bekanntgabe des Darsteller-Bären für die 62-jährige Chilenin Paulina García. In der hinreißenden Tragikomödie „Gloria“, dem absoluten Publikumsliebling unter allen Wettbewerbsbeiträgen, spielt sie eine liebeshungrige, geschiedene Frau, die im Herbst ihres Lebens noch einmal durchstartet. Als die sinnliche Señora García auf der Bühne über ihr langes Abendkleid stolperte und anschließend dem deutschen Jurymitglied, dem Regisseur Andreas Dresen, lachend in den Armen lag, erreichte der Beifall Orkanstärke. Ihr Preis ist hoch verdient und hart erkämpft, denn die Konkurrenz unter den Darstellerinnen war heuer besonders groß – neben „Gloria“ gab es noch einige andere Wettbewerbsfilme über Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen. Eine heiße Anwärterin wäre auch Catherine Deneuve gewesen, der man in der Komödie „Elle s’en va“ eine herrliche Altersrolle auf den Leib geschneidert hat: eine Frau, die aus ihrem öden Provinz-Dasein flüchtet. Starke Frauen, schwache Filme – so könnte man den diesjährigen Wettbewerb auf den Punkt bringen. Insofern hatte es die Jury unter der Ägide des Hongkong-Filmers Wong Kar-Wai leicht: Es gab nur wenige preiswürdige Beiträge, und genau die wurden auch ausgezeichnet.

Abgesehen von den prämierten Filmen zeigte der Wettbewerb ein erschreckend niedriges Niveau, das nicht ansatzweise mit Cannes oder Venedig konkurrieren konnte. Da tummelten sich etwa zahlreiche verschwurbelte, konsequent am Publikum vorbei gedrehte Kunstkino-Verirrungen. Weiterer Tiefpunkt war ausgerechnet der einzige deutsche Beitrag: Thomas Arslans emotionsloser, peinlich-dilettantischer Möchtegern-Spätwestern „Gold“. Indem Festival-Chef Dieter Kosslick diesen von der internationalen Presse zu Recht verhöhnten Film in den Wettbewerb hievte, hat er dem deutschen Kino einen echten Bären-Dienst erwiesen.

Von Marco Schmidt

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