Starker Nachhall

- Zeitgenössischer Tanz, was ist das eigentlich? Es ist Tanz aus unserer Zeit heraus, nicht kodifiziert, zumindest nicht in dem Maße wie klassisches Ballett und Modern Dance. Es ist das Gegenteil von nur ständigem Neuarrangieren einmal gefundener Vokabeln, Floskeln, Strategien. Es ist: unentwegte Suche. Seit über 30 Jahren sucht die Britin Rosemary Butcher, verändert sich, sucht aufs Neue. Als zweiter Gast bescherte sie jetzt der Münchner Tanzwerkstatt Europa im i-camp einen kleinen unprätentiösen Abend - mit starkem Nachhall: das autobiografisch getönte Triptychon "Women and Memory" über das Reisen und den Blick zurück auf die gemachte Erfahrung.

Und das in abstrakter Bewegung? Ein utopisches Unterfangen. Aber Butcher gelingt das Unmögliche. In den beiden Soli und der minimalistischen Filmsequenz "Fluchtpunkt" von Martin Otter entstehen tatsächlich allein über eine konzentrierte Bewegungs-Kargheit in unerbittlicher Wiederholungs-Insistenz Bilder von kreisend-verharrender und von fließender Gegenwart, von schmerzlich und doch siegreich zurückgelegter Zeit - mit der ausgezeichneten Elena Giannotti jeweils als Empfindungs-Seismograph: Im Film zunächst winzige Fata Morgana an einem sandig verschwommenen Horizont, arbeitet sie sich vor über die Düne, gegen den Wind, zwischen Niederknien und dem Vorwärtsstreben. Ein mönchisch-meditatives Exerzitium zu einem exotisch metallenen Instrumentenklang von unendlich schöner Langsamkeit.

In den beiden umrahmenden Soli: Hier, die Arme gewinkelt erhoben, wird sie in ihrem begrenzenten Licht-Quadrat zum sich drehenden "Lebens"-Zirkel, dort Marathon-Läufer: in offenem Schritt, die Ferse fest aufgestellt, die Sohle immer wieder hart aufklatschend, den hinteren Fuß im gleichen Rhythmus hunderte Male hochschnellend - Arme parallel kräftig schwingend oder Brustschwimmer-ähnlich Luft wegschaufelnd. Manchmal dabei ein prüfender Blick zurück. Minimal die Bewegungs-Variationen. Und doch tief erlebbar: Flucht, Furcht, Durchhalten - der mühsame Weg immer das Ziel.

Heute: Huber & Lhotáková, Muffathalle.

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