Ein starkes Zeichen

- Sparprogramme sehen anders aus. Die bieten keinen Lehár-Zyklus an, keinen "Gesangswettbewerb Marcello Viotti", die finanzieren keine Aufträge für "Magnificat"-Vertonungen. Und die beinhalten keine szenischen Opernprojekte im Prinzregententheater. All das hat sich nämlich Ulf Schirmer, ab der Saison 2006/ 07 Chef des Münchner Rundfunkorchesters, vorgenommen.

Mit der Berufung von Schirmer (Jahrgang 1959) hat der BR ein starkes Zeichen für den Fortbestand seines zweiten Orchesters gesetzt. Schirmer ist an der Wiener Staatsoper, in Bregenz oder an der Pariser Oper gern gesehener Gast. Zugleich lehrt er als Professor für musikalische Analyse und Musikdramaturgie in Hamburg. Zwar wird das einst von der Auflösung bedrohte Rundfunkorchester von 71 auf 50 Planstellen verschlankt, zwar gibt es künftig weniger konzertante Oper und nicht mehr so viele Sonntagskonzerte. Entscheidend sind aber Schirmers ambitionierte Projekte, der damit nach der erfolgreichen Ära Marcello Viotti durchaus eigene, ganz andere Akzente setzen könnte.

Mag sich der "Neue" auch zur Operette und zu Populärem bekennen, so flackerte bei der Programm-Vorstellung doch immer wieder sein Interesse für die Moderne auf. Namen wie John Cage fallen da, "Klassiker der 50er- und 60er-Jahre" sollen gespielt werden, und an einen Kammermusik-Zyklus mit dem Arbeitstitel "Grenzgänge" wird gedacht. Schirmer wollte "ein Signal an Peter Ruzicka aussenden" und empfahl sein Orchester für die Münchener Biennale. Zugleich garantierte er eine Fortsetzung der Reihe "Paradisi Gloria", die jedes Jahr mit einer Uraufführung angereichert wird. Überdies liebäugelt der Dirigent mit anderen Veranstaltungsorten, etwa mit der Pinakothek der Moderne oder der Hypo-Kunsthalle.

Die wichtigste Neuerung dürfte aber die Zusammenarbeit mit der Bayerischen Theaterakademie sein. Im künftigen Präsidenten Klaus Zehelein hat Schirmer offenbar einen Wesensverwandten gefunden. Einmal im Jahr wird das Rundfunkorchester, dirigiert von Schirmer, bei einer szenischen Produktion der Akademie im Graben des Prinzregententheaters sitzen. Den Auftakt machen drei Einakter von Hans Werner Henze, inszeniert immerhin von Christof Nel.

"Ich fühle mich hier menschlich sehr wohl", sagte Schirmer über seine Zusammenarbeit mit dem Orchester. "Ich hoffe, dass das mit dem Vertrag so bleibt. Manchmal ist das ja wie in einer Ehe, wo es mit der Zahnpastatube losgeht." Und Bedenkenträger - vielleicht auch aus dem BR -, die angesichts hochfliegender Pläne nun die Stirn runzeln, beruhigte er: "Ich bin Hanseat und stehe mit beiden Beinen auf dem Boden. Ich mache keine Konzerte, zu denen niemand kommt."

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